Schwieriges Erbe

Seit einigen Jahren setzen sich viele Museen und Universitäten intensiv mit der Herkunft von Objekten, die aus kolonialen Kontexten stammen, auseinander. Wir sprechen hierzu mit Prof. Rebekka Habermas, Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Göttingen.

Seit einigen Jahren mehren sich die Debatten um Kulturgut aus kolonialen Kontexten. Auch in Deutschland ist diese Diskussion zuerst in Museen und mittlerweile ebenso in akademischen Sammlungen angekommen. Welche der Sammlungen der Universität Göttingen sind hiervon betroffen?

Ich fürchte fast, dass die umgekehrte Frage, welche Sammlungen nicht vom Kolonialismus betroffen sind, leichter zu beantworten ist. Sei es die pharmakognostische Sammlung, zu der unter anderem Albert Peters beigetragen hat, der in der Kolonie Deutsch Ostafrika gesammelt hat; sei es die Musikinstrumentensammlung, mit Instrumenten unter anderem aus Ozeanien oder sei es die Sammlung von Heinz Kirchhoff. Auch der Forstbotanische und der Alte Botanische Garten, die Sammlung in der Humananthropologie und natürlich die Ethnologische Sammlung sind hier zu nennen – überall sind Objekte, Naturalia, Zoologica und Ethnographica aus den ehemaligen Kolonien. Viele von ihnen wurden zweifellos in Unrechtskontexten angeeignet – häufig in deutschen Kolonien. Nicht vergessen werden sollten aber auch die geologischen Sammlungen und viele andere, auf den ersten Blick „unbelastete“ Sammlungen wie etwa die kunstgeschichtliche, die etwa Fotografien aus kolonialen Kontexten enthält, von denen man nicht weiß, wie freiwillig sich die Menschen vor die Kamera stellten.

Was wissen wir darüber, wie koloniale Güter in die Sammlungsbestände der Universität Göttingen gelangt sind?

Von vielen Objekten wissen wir kaum etwas. Anderes wurde in den vergangenen Jahren im Rahmen von Projekten zur Provenienzforschung erforscht: Über die Botanica, die Albert Peters gesammelt hat, wissen wir aufgrund seines Reiseberichts recht gut Bescheid. Diese hat er mithilfe von sogenannten intermediaries, das sind lokale Experten, teilwiese unter Anwendung von Gewalt und teilweise auch gegen Bezahlung erworben. Über den „Erwerb“ der Benin-Bronze sind zahlreiche Unterlagen bekannt, nicht nur was den ursprünglichen Raub in Benin anbelangt, sondern auch wie die Bronze schließlich aus Berlin nach Göttingen kam – sie war ein Tauschobjekt zwischen den ethnologischen Sammlungen in Berlin und Göttingen. Auch wissen wir mittlerweile, wie zahlreiche Objekte aus Papua Neuguinea in der Kolonialzeit nach Göttingen kamen – hier sind Reise- und Expeditionsberichte vorhanden, die im Rahmen des niedersächsischen PAESE-Projekts intensiv erforscht wurden. Und in fast allen Fällen wird deutlich, dass diese Objekte mit Gewalt entwendet wurden, teilweise war es ganz offensichtlich Betrug, zuweilen wurden die Objekte auch gekauft. Tausch oder Kauf war jedoch eindeutig nicht der Regelfall.  
Hier gibt es – wie die Forschung zur Kolonialgeschichte der Geogia Augusta zeigt – noch einiges zu tun. Vor allem aber eröffnen sich hier gerade für Studierende neue Möglichkeiten: Die Erforschung der kolonialen Vergangenheit einzelner Disziplinen ermöglicht neue Kontakte zu den ehemaligen Kolonien, was wiederum nicht nur den Horizont der eigenen Forschung erweitert, sondern auch die Chance eröffnet, gemeinsam mit Kolleg*innen aus dem Globalen Süden Vergangenes zu erforschen, um vielleicht auch gemeinsam Zukünftiges zu gestalten.

© Klein und Neumann/Uni Göttingen

Die enge Verwobenheit von Kolonialismus und Wissenschaft stellt ein schwieriges Erbe für Universitäten dar. Ist die Wissenschaft in Europa bis heute durch dieses koloniale Erbe geprägt?

Ohne jeden Zweifel hat der Kolonialismus die europäische Wissenschaft geprägt. Das gilt für fast alle Disziplinen: Die Medizin – hier natürlich insbesondere die Tropenmedizin, aber auch die Bakteriologie, man denke nur an Roberts Kochs bakteriologische Versuche in den Kolonien; die Metereologie, hier sei dran erinnert, dass Göttinger Wissenschaftler in der Kolonialzeit auf Samoa Daten erhoben, und Dutzende andere wie die Botanik, die Forstwissenschaft, die Zoologie, aber auch die Biologie und die Geschichtswissenschaft. Gerade die Universität Göttingen hatte – wie ein Projektseminar zur kolonialen Vergangenheit der Universität herausgefunden hat – bis weit in die 1940er Jahre enge Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien. Ja, nach dem Verlust der Kolonien war es Göttingen, das sich bemühte, ein Kolonialwissenschaftliches Institut aufzubauen. So wurde Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre an der Georgia-Augusta nicht nur eine Hochschulgruppe der Kolonialen Arbeitsgemeinschaft gegründet, sondern auch ein Institut für koloniale Landwirtschaft. Und Missionswissenschaftler wie Carl Mirbt ließen in ihrem Forschungsdrang auch nach dem Verlust der Kolonien nicht nach. Das gleiche gilt für die juristische Forschung, die sich in Göttingen auch mit dem sogenannten Eingeborenenrecht beschäftigte. 

Ob einzelne Disziplinen bis heute koloniale Spuren tragen, ist eine schwierige Frage, über die wir noch intensiver diskutieren müssen. Mir scheint allein der Zuschnitt von Disziplinen koloniale Spuren zu tragen: Wenn ich an mein eigenes Fach, die Geschichtswissenschaft, denke, ist es offensichtlich, dass Hegels Diktum, es gäbe Völker, die keine Geschichte hätten – und diese sind nicht zufällig alle im Globalen Süden gelegen, das heißt ehemalige Kolonien – bis heute in der universitären Lehre und Forschung fortwirkt. Warum gibt es sonst so wenig Seminare zur Geschichte afrikanischer Länder oder zu Ozeanien, warum scheinen alle wichtigen historischen Veränderungen von Europa auszugehen und warum teilt die Geschichtswissenschaft bis heute einen Quellenbegriff, der eindeutig eurozentrisch ist?

(Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Portrait von Prof. Dr. Rebekka Habermas im Jahresbericht 2021. Der komplette Jahresbericht ist auf den Webseiten der Universität verfügbar, das vollständige Interview findet sich dort ab Seite 45.)

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