Restauratorin an der Universität Göttingen

Restaurator*innen sind für den Erhalt des Kulturguts zuständig. Sie stellen Vergangenes wieder her, pflegen und bewahren geschichtliche Zeugnisse und restaurieren­ und konservieren von Verfall und Zerstörung Bedrohtes. So weit, so gut. Dass auch die Universität Göttingen eine Restauratorin beschäftigt, wird jedoch viele überraschen.

Handwerk, Geduld, profundes Wissen und vieles mehr

Jorun Ruppel arbeitet als Restauratorin am Archäologischen Institut. Dort ist sie zuständig für die Sammlungen, wie beispielsweise griechische Keramik, römisches Glas, Marmor-Skulpturen und -Reliefs, Statuetten aus Buntmetall, Münzen und vor allem auch die mehr als 2.000 Objekte umfassende Sammlung von Gipsabgüssen antiker Skulptur.

Leihverkehr mit auswärtigen Institutionen, Alterung oder auch Ausstellungen im eigenen Haus – all dies kann in den Sammlungen schnell zu Schäden führen. Korrosion, Verfärbungen, Salzausblühungen, abgebrochene Fingern oder auch schwerwiegende Brüche gehören deswegen zum Aufgabenbereich von Jorun Ruppel und machen ihren Alltag gleichermaßen spannend wie abwechslungsreich. Denn das Restaurieren alter Objekte erfordert neben handwerklichem Geschick, Gefühl für Farben und Formen und viel Geduld auch ein gewisses chemisches Wissen sowie Kenntnisse über Materialien, Herstellungstechniken und klimatische Bedingungen.

Die zerbrochene Hand des sog. Jünglings Sabouroff (A 346). Ein Sitzungsteilnehmer war mit seinem Rucksack am ausgestreckten Arm der Statue hängen geblieben.

In der Werkstatt des Archäologischen Instituts werden jedoch nicht nur alte Objekte restauriert, sondern auch neue hergestellt – und zwar Gipsabgüsse von antiken Originalen oder auch von Abgüssen aus der Sammlung, sogenannte Zweitgüsse. Diese kommen zum Beispiel als Tauschobjekte mit anderen Abguss-Sammlungen zum Einsatz oder werden benötigt, um Archäologen an neutralweißen Gipsen, die anders als die Originale keine Verkrustungen oder Verfärbungen aufweisen, das wissenschaftliche Sehen zu erleichtern. Auch können mit Hilfe von Gipsabgüssen – anders als mit den Originalen – Rekonstruktionen angefertigt werden.  Ein schönes Beispiel hierfür ist die Sitzstatue des antiken Dichters Menander, dem durch das Einpassen eines Abgusses einer Büste, deren Original sich in Venedig befindet, in den Abguss einer kopflosen Statue aus Neapel ein Gesicht gegeben werden konnte.

Aber auch mit ganz anderen Aufgaben beschäftigt sich die Restauratorin. Im Augenblick sind dies zum Beispiel die Vorbereitungen für den Göttinger Beitrag zum 3. Europäischen Tag der Restaurierung, in dessen Rahmen aktuelle Projekte des Archäologischen Instituts und anderer Werkstätten in Göttingen und Friedland vorgestellt werden sollen. Generell spielt die Öffentlichkeitsarbeit für Jorun Ruppel eine große Rolle. Vorträge oder Führungen im Rahmen der Sonntagsspaziergänge, größere Aktionstage wie die Nacht des Wissens, der Tag der offenen Sammlung oder der seit 2012 durchgeführte Adventsbasar eint das Ziel, die verborgenen Schätze der Universität für interessierte Besucher*innen zu öffnen. Wie an vielen Arbeitsplätzen der Universität nimmt darüber hinaus auch die Arbeit am PC einen nicht unerheblichen Teil des Arbeitstages ein. Nicht nur der Leihverkehr mit externen Einrichtungen, sondern alle an den Objekten durchgeführten Maßnahmen, egal ob Restaurierungen oder Abformungen, müssen in Wort und Bild dokumentiert werden.

Abformung einer Sophokles-Büste (A 322 a) mit Silikon

Ein langer Weg

Geduld und Ausdauer sind für die Restauratorin Jorun Ruppel nicht nur bei der Arbeit wichtig. Ihr Weg in die Universität umfasste viele Stationen: Verschiedene Vor-Praktika, das Studium an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Ferien-Praktika, Ausgrabungen und berufliche Erfahrungen an Museen und dem Conservation Centre in Liverpool führten sie 2002 zu der Stelle am Archäologischen Institut der Universität Göttingen. Dort gibt es insgesamt acht Mitarbeiter*innen, zur Hälfte Archäolog*innen, zur anderen Mitarbeiter*innen des technischen und Verwaltungsdienstes, zu denen auch sie zählt. Unter ihnen und auch in den über 70 Teilsammlungen der Universität ist sie – abgesehen von den Papierrestaurator*innen der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen – die einzige Restauratorin. Ein wichtiger Schritt war deswegen 2014 die Gründung der AG Konservierung/Restaurierung, in der sich mit dem Thema befasste Mitarbeiter*innen der Universität und freiberufliche Restaurator*innen verschiedener Fachrichtungen aus Südniedersachsen zusammengetan haben.

Geht es jedoch um einen fachlichen Austausch in Sachen Antiken und Gips, muss Jorun Ruppel ihre Fühler weiter ausstrecken. Die am nächsten gelegenen universitären Antiken- und Abguss-Sammlungen, mit deren Restaurator*innen sie Kontakt pflegt, befinden sich in Leipzig, Tübingen und Heidelberg. Auch mit Mitarbeiter*innen der Gipsformerei in Berlin und musealen Sammlungen in London und Kopenhagen sowie freiberuflichen Restaurator*innen tauscht sie sich aus.

Viel Zeit bleibt bei all dem nicht. Umso wichtiger sind deswegen fachliche Zusammenkünfte wie die internationale Tagung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen im Jahr 2016 zum Thema „Weiß wie Gips? Die Behandlung der Oberflächen von Gipsabgüssen“ oder der am 11. Oktober 2020 stattfindende 3. Tag der Restaurierung, der aufgrund von Corona in diesem Jahr alle Interessierten zu einem virtuellen Programm einlädt https://www.tag-der-restaurierung.de

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