Lehre im Humboldt‘schen Sinne

Teresa Williams, Malte Krömer und Jorinel Domingos mit Präparaten – Foto: Gabriele Bartolomaeus

„Es macht viel Spaß und wir haben schon viel gelernt – mehr als in anderen Modulen.“ Die Göttinger Biologiestudentin Teresa Williams zeigt sich zufrieden mit ihrem Projekt im Programm „Forschendes Lehren und Lernen“ (FoLL). Zusammen mit ihrem Kommilitonen Malte Krömer und dem Masterstudenten der Geowissenschaften Jorinel Domingos hat sie im Rahmen von FoLL Gesteine und Fossilien vom östlichen Festlandsrand des Roten Meeres untersucht. Das Projekt läuft so gut, dass sich die Gruppe jetzt erfolgreich um eine Verlängerung bemüht hat.

Die Fragestellung ist anspruchsvoll: Anhand von Gesteinen und fossilen Funden wollten die jungen Forscher*innen die erste Besiedlung des Roten Meeres durch marine, riffbildende Organismen geobiologisch rekonstruieren. Aus geologischer Perspektive ist das Rote Meer ein relativ junger Ozean. Seine Entstehung begann im Wesentlichen vor etwa 25 Millionen Jahren durch das Auseinanderdriften der Arabischen und der Ostafrikanischen Platten. Mit dem Vordringen von Meerwasser in den entstandenen Raum konnten sich im Roten Meer neue, marine Ökosysteme etablieren. „Bis heute gilt das Gebiet als Hotspot der Biodiversität“ erklärt Domingos, „in den Kalksteinen finden sich Spuren vieler verschiedener Organismen“.

Das Team untersuchte Gestein von der arabischen Seite des Roten Meeres. Prof. Dr. Jan-Peter Duda, Leiter der Abteilung Geobiologie an der Göttinger Fakultät für Geowissenschaften und Geographie hatte die Proben bei einem Besuch der saudi-arabischen KAUST Universität sammeln können – ein Glücksfall. Die meisten Proben vom Roten Meer, die bisher wissenschaftlich untersucht wurden, stammen von der ägyptischen Seite. Die jungen Forscher*innen konnten unter Dudas Betreuung im wahrsten Sinne des Wortes Neuland erforschen.

Präpariertes Gestein – Foto: Gabriele Bartolomaeus

Das Team musste zuallererst in Literatur, Karten, Fotos und Geländebüchern recherchieren, um sich über die Bedingungen vor Ort zu informieren. Dann stand die praktische Arbeit auf dem Programm: Mit der Steinsäge wurden die Funde zerkleinert und anschließend als Dünnschliff für mikroskopische Untersuchungen präpariert. „Es war schon ein großer Aufwand“ erinnert sich Krömer. „Besonders beim Schleifen musste man sehr genau arbeiten.“ Anschließend führte das Team an den Proben biogeochemische Analysen durch, inklusive sogenannter „Lipid Biomarker“ – fossile organische Moleküle, die wie klassische Fossilien bestimmten Organismen zugeordnet werden können.

Mit diesen Ergebnissen konnten die einzelnen Arten der Funde bestimmt werden – was auch wieder eine aufwändige Recherchearbeit voraussetzte. „Man schafft meistens nicht so viel wie erhofft“, resümiert Krömer, „aber man lernt sehr viel“. Insbesondere die Altersbestimmung der Proben war schwierig und konnte nur in Relation zu anderen Funden abgeschätzt werden.

Trotzdem zeigte sich deutlich, dass das Rote Meer in zwei Phasen besiedelt wurde: zuerst von Mikroorganismen, die bereits Riffe bildeten, und anschließend von Korallenriffen, die bis heute das Ökosystem prägen. „Solch drastische ökologische Umbrüche sind meistens auf grundlegende Veränderungen von Umweltbedingungen zurückzuführen“, erklärt Domingos. So könnten zum Beispiel Änderungen der Temperatur, des Salzgehalts, der Wassertiefe und -qualität oder aber mehrere solcher Parameter entscheidend gewesen sein. Fragen, an denen das Team im kommenden Semester weiterforschen will, indem es insbesondere Spuren von Mikroorganismen genauer untersucht.

„Was ich an dem Format schätze: Es ist freier“, sagt Duda im Rückblick. „Die Studierenden können Dinge ausprobieren und kommen dem Arbeiten in der Wissenschaft näher. Sie werden nicht trainiert, etwas zu können, sondern sie machen Erfahrungen, die jeden Einzelnen von ihnen prägen – ganz im Humboldt‘schen Sinne.“

Prof. Dr. Jan-Peter Duda (links) mit den Studierenden Jorinel Domingos, Malte Krömer, Teresa Williams – Foto: Gabriele Bartolomaeus

Bachelorstudent*innen mit Interesse an eigener Forschung können sich im Team und zusammen mit ein bis zwei betreuenden Lehrenden noch bis 21. März 2024 für das FoLL-Programm im Sommersemester 2024 bewerben. Ein Drittel des studentischen Teams können Masterstudierende sein.

Weitere Infos: www.uni-goettingen.de/forschendeslernen

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