Wunderwelt des Hörens

Gutes Hören ist wie ein Fenster zur Welt. 24 Stunden am Tag sind unsere Ohren für uns da, lassen uns Informationen aufnehmen, bringen uns in Kontakt mit anderen Menschen und schützen uns vor Gefahr. Aber dass wir gut hören können, ist nicht selbstverständlich. Im Gespräch mit Professor Dr. Tobias Moser, Direktor des Institus für Auditorische Neurowissenschaften an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), geht es um die Welt des Hörens.

Musik oder Podcast hören, sich unterhalten, ein Kinobesuch – all dies sind alltägliche Situationen, die für Menschen mit Hörproblemen oder Schwerhörigkeit zu einer Hürde werden können. Sie erforschen die Grundlagen des Hörens. Was fasziniert Sie am Hören?
Sie haben die große Bedeutung des Hörsinns für uns Menschen sehr gut umrissen. Krankheitsmechanismen zu verstehen und an neuen, besseren Lösungen für Schwerhörige zu arbeiten, ist eine wichtige Aufgabe für unser Institut an der Universitätsmedizin und am Göttingen Campus. Darüber hinaus betreiben wir Grundlagenforschung zur Funktion des Innenohrs und des zentralnervösen Hörsystems. Wir glauben, dass diese Forschung wirklich die besten Grundlagen für neue Anwendungen des Wissens in der Medizin erschafft. Uns treibt dabei die Faszination von der Wunderwelt des Hörens an. Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, dass mechanische Bewegungen der Härchen unserer Sinneszellen in der Größe eines Wasserstoffatoms zu einer Hörwahrnehmung führen! Oder, dass an der synaptischen Kontaktstelle zwischen Sinneszellen und Hörnervenzellen die Freisetzung von Botenstoff von einem einzelnen synaptischen Bläschen zur Bildung eines Nervenimpulses und somit womöglich zur Hörwahrnehmung führt.

Sie leisten Pionierarbeit bei der Entwicklung optogenetischer Cochlea-Implantate. Was versteht man darunter und welches Potenzial sehen Sie in ihnen?

Das jetzige, elektrische Cochlea-Implantat wird von mehr als einer Million Menschen weltweit genutzt und gilt als die erfolgreichste Neuroprothese. Solange der Hörnerv erhalten ist, kann das Cochlea-Implantat genutzt werden, und dies relativ unabhängig vom Krankheitsmechanismus. Menschen, die sonst nichts oder nur sehr wenig hören könnten, können damit nach einer Lernphase von rund sechs bis zwölf Monaten in der Regel wieder Sprache verstehen. Das ist einfach großartig! Allerdings sagen uns die Betroffenen, dass es noch einen großen ungedeckten Bedarf an verbessertem und natürlicherem Hören gibt. Zum Beispiel ist es noch immer sehr schwer, Sprache in geräuschvoller Umgebung zu verstehen. Weil das Cochlea-Implantat für viele Menschen eine Behandlungsoption ist, haben wir uns entschlossen, an einer grundlegenden Verbesserung zu arbeiten.

Wenn man den Hörnerv mit einer Gentherapie lichtempfindlich macht, kann man ihn deutlich präziser reizen, weil Licht im Gegensatz zu Strom räumlich gut begrenzt werden kann. Wir konnten diesen Unterschied im Tiermodell und in der Computer-Simulation nachweisen und glauben, dass ein optisches Cochlea-Implantat die Hörrehabilitation auf ein neues Niveau bringen kann, weil mehr Information über Tonhöhen übertragen werden kann. Dies würde helfen, Sprache im Störgeräusch besser zu verstehen und Melodien in Sprache und Musik besser zu erkennen. Die zusätzlich erforderliche Gentherapie macht die Versorgung mit dem optischen Cochlea-Implantat aufwendiger, aber ich glaube auf Grund unserer tierexperimentellen Ergebnisse, dass sich dieser Aufwand auszahlen wird.

Sie sind gemeinsam mit Prof. Dr. Claudia Steinem (Fakultät für Chemie, Universität Göttingen) und Prof. Dr. Christian Griesinger (Direktor am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften) Sprecher des Exzellenzclusters Multiscale Bioimaging: Von molekularen Maschinen zu Netzwerken erregbarer Zellen (MBExC). Welche Aspekte Ihrer Forschung als Neurowissenschaftler können Sie in das Cluster mit einbringen?

Die Neurowissenschaften und kardiovaskuläre Forschung definieren die Zielstrukturen und -prozesse der MBExC-Forschung. Wir denken, dass der Brückenschlag zwischen beiden Forschungsfeldern der Medizin und die Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften sehr viel Potenzial für grundlegende Erkenntnisse bietet und konnten den Nutzen dieses Ansatzes nun bereits mehrfach belegen. Es ist eine große Chance und auch Verantwortung für Neurowissenschaftler wie mich, hier Themen für die gemeinsame Forschung vorzuschlagen und in multidisziplinärer Zusammenarbeit anzugehen.

Wer sich genauer informieren möchte, wie Hören funktioniert und welche medizinischen Möglichkeiten es gibt, wenn Hören zum Problem wird, ist herzlich eingeladen zur Eröffnungsveranstaltung der aktuellen Ringvorlesung Herz und Hirn gemeinsam im Fokus. Dort hält Prof. Moser am Dienstag, 7.11. ab 18.15 Uhr einen Vortrag zum Thema Wie Hören funktioniert und in der Zukunft wieder hergestellt werden kann.

(Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Prof. Moser ist ein Auszug aus dem Jahresbericht 2022 der Universität. Der Jahresbericht mit dem kompletten Text ist auf den Webseiten der Universität verfügbar, das vollständige Interview findet sich dort ab Seite 43.)

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