Der westliche Blick auf Zentralasien

Die Gruppe arbeitete an der Universität Göttingen unter anderem in der Historischen Sternwarte

Referate, Tee und Halva: Zehn Tage lang waren Studierende und Lehrende aus Usbekistan zu Gast in Göttingen. Zusammen mit Studierenden und Wissenschaftler*innen des Seminars für Iranistik untersuchten sie Reiseberichte, die westliche Reisende auf ihren Touren durch Zentralasien im 19. und frühen 20. Jahrhundert erstellt haben. Der fächerübergreifende Workshop wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen des Projekts „Europäische Perspektiven im Dialog: Zentralasien und die westliche Forschung“ gefördert.

„Ein zentraler Aspekt unserer Arbeit ist es, die Reiseberichte kritisch zu lesen“, erklärt Prof. Dr. Eva Orthmann vom Seminar für Iranistik, die den Workshop zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Roxana Zenhari geleitet hat. „Die Reiseberichte dokumentieren zwar das Erlebte, aber sie drücken auch eine Haltung der Reisenden aus und können den Diskurs der Zeit über den Orient in Text und frühen Fotografien wiederspiegeln“, erklärt Zenhari. So werden die Einheimischen in einigen Berichten als „Barbaren“ geschildert, denen die Zivilisation erst beigebracht werden müsse. „In solchen und vielen anderen Beschreibungen drückt sich eine koloniale Haltung der Reisenden aus, die man als Orientalismus bezeichnet“, so Orthmann.

Bereits im vergangenen Jahr besuchten Göttinger Studierende die Städte Taschkent, Samarkand und Buchara in Usbekistan, um sich ein Grundwissen über Reiseberichte und Fotoarchive aus der Region zu erarbeiten. In diesem interdisziplinären Workshop wurden die Texte und Fotos nun aus linguistischer, historischer, anglistischer und iranistischer Perspektive kritisch analysiert. Anschließend hielten die Studierenden vor der Gruppe Referate über ihre Ergebnisse. In den Pausen stand usbekisches Gebäck auf dem Tisch und die traditionelle Tyubeteika, eine usbekische Mütze wurde bestaunt, herumgereicht und anprobiert – der Austausch beschränkte sich nicht nur auf die gemeinsame Arbeit.

Gruppenbild mit traditioneller Tyubeteika, einer usbekischen Mütze

Neben der Analyse der Dokumente setzten sich die Teilnehmenden auch mit ihrer wissenschaftlichen Arbeitsweise auseinander. Schnell wurde den Göttingern klar, wie privilegiert sie sind: Während ihres Studiums in Göttingen hatten sie bisher nahezu unbegrenzt Zugang zur Fachliteratur. Zustände, von denen die usbekischen Kommiliton*innen nur träumen können: Ihre Unis müssen mit schmaleren Budgets auskommen, was zu Lasten der verfügbaren Literatur geht.

„Es war ein intensiver Kurs und wir haben viel gelernt“ resümiert die Historikerin Prof. Dr. Muhtaram Yakubova, die zusammen mit Prof. Dr. Bektosh Rakhimus aus Samarkand angereist war. „Jetzt überlegen wir, was wir in Samarkand weiterentwickeln können.“ Ihre Kollegin Prof. Dr. Mehrinigor Akhmedova, die zusammen mit Prof. Dr. Mehrinsio Rakhmatova die Studierenden aus Buchara begleitete, schätzt vor allen Dingen die Möglichkeit zum Netzwerken mit den deutschen Partnern. Vom Thema war sie so inspiriert, dass sie einen eigenen Reiseblog startete.

Bektosh Mamatov, Masterstudent der Geschichte aus Samarkand freut sich schon auf die nächsten Aufgaben: Die Gruppe wird in den kommenden Wochen Wikipedia Artikel über Reiseberichte und über historische Fotografie in Zentralasien verfassen. „Ein sehr informatives und nützliches Projekt“, sagt er. Wenn alles gut geht, wird er wieder nach Göttingen kommen, um hier zu promovieren – so gut hat ihm der Aufenthalt an unserer Universität gefallen.

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