„Ungarn ist meine Heimat und Göttingen mein Zuhause“, sagt Dr. Viktória Gulya. Sie hat seit dem Wintersemester 1978/79 an der Universität Göttingen Russischkurse angeboten. Nach 95 Semestern ununterbrochener Lehre blickt sie nun zurück.
„Auf das Modul 652 ,Russisch für Kulturwissenschaften‘ im Studiengang Geschichte bin ich stolz“, sagt die Lehrbeauftragte. In jeweils zwei Semestern vermittelte sie die Sprache soweit, dass die Studierenden Originalquellen verstehen und übersetzen sowie Alltagssituationen auf Russisch bewältigen können. In ihrem Unterricht legte sie besonderen Wert auf die Geschichte und Kultur des Landes. Sie selbst hat in Budapest und Moskau Slavistik und Bibliothekswissenschaften studiert und wurde in Ungarn promoviert.
Im Jahr 1977 zog sie mit ihrem Mann Prof. Dr. János Gulya nach Göttingen. Während der Finnougrist seine Professur an der Universität Göttingen antrat, begann sie ab 1978 als Lehrbeauftragte an der Professur für Neuere Osteuropäische Geschichte. Seitdem hat sie die Russischkurse zunächst im Studiengang Geschichte, ab 1982 für Studierende aller Fakultäten angeboten.
„Nach der Jahrtausendwende haben deutsche Unternehmen händeringend nach Absolventen gesucht, die Russisch sprechen“, erinnert sich Gulya. „Vor allem Kenntnisse der regionalen Konventionen waren gefragt.“ All dies hat die Ungarin in ihren Kursen am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte und in der ZESS – Zentralen Einrichtung für Sprachen und Schlüsselqualifikationen lebendig vermittelt.
Zu den Prüfungsaufgaben am Semesterende gehörte zum Beispiel, dass jede*r Kursteilnehmende vor der gesamten Gruppe eine russische Persönlichkeit eigener Wahl in zehn Minuten vorstellt. Bis heute erfreut sie sich an der Kreativität ihrer Studierenden: Neben Klassikern wie Lenin, Gorbatschow, Katharina der Großen, Tschaikowski und Tolstoi wurden auch Schauspieler, Fußballer oder Tennisspieler vorgestellt. Helene Fischer, die in Russland geboren wurde, war auch dabei.
Besonders beliebt waren auch ihre Zusatzangebote. So organisierte sie beispielsweise zahlreiche Exkursionen mit Studierenden nach Russland und in die Ukraine sowie eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Als Mitarbeiterin im EU-Hochschulbüro der Universität koordinierte sie fünf Jahre lang als Verantwortliche ihr länderübergreifendes Projekt zur gegenseitigen Anerkennung von Studienleistungen der Universitäten La Sapienza in Rom, Sorbonne in Paris, Groningen und Göttingen mit den beiden russischen Universitäten Nischnij Novgorod und Twer.
Gulya bleibt auch weiterhin aktiv. Sie tauscht sich mit ehemaligen Studierenden aus und wird den Kontakt zum Seminar und als Alumni-Mitglied zur Universität halten. Sie ist Mitbegründerin des Lions Club Göttingen Bettina von Arnim und Mitglied in einem katholischen Ritterorden. Sichtbar ist dies beispielsweise an dem Jerusalemkreuz, das sie an einer Kette um ihren Hals trägt. Ihr Glaube leitet sie in ihrem Handeln.
