Günter Grass im Märchenwald

Ätzradierung auf Kupfer mit dem Titel »Der Butt« von 1977 (Werkverzeichnis-Nummer R 106) – © Steidl Verlag + © Günter und Ute Grass Stiftung

Günter Grass war Autor, Zeichner, Grafiker, Bildhauer und Buchgestalter. Am Seminar für Deutsche Philologie forscht Katrin Wellnitz zu Märchen in seinem literarischen Werk. Außerdem koordiniert sie unter der Leitung von Prof. Dr. Heinrich Detering und Dr. Christian Fieseler die Aufbereitung und wissenschaftliche Erschließung des Günter Grass-Archivs in Göttingen, um die Zeugnisse des kreativen Schaffens für weitere Forschungsvorhaben zugänglich zu machen. Hier gibt sie Einblicke in ihre spannende Arbeit.

Märchen spielen im literarischen Werk von Grass eine große Rolle. Welche Aspekte untersuchen Sie für Ihre Dissertation?

Günter Grass hat in seinen literarischen, aber auch bildkünstlerischen Werken immer wieder Ausflüge in den Märchenwald unternommen. Er hat bestimmte Märchenfassungen – zum Beispiel aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm oder aus Hans Christian Andersens Kunstmärchen – herangezogen und in seinen Texten weitererzählt, hat immer wieder Märchen-Phrasen wie »Es war einmal…« in seine Erzähltexte eingefügt und ihnen somit einen märchenhaften Anstrich gegeben.

Der Prozess des Weitererzählens einst schriftlich festgehaltener Fassungen interessiert mich dabei besonders. Das ist einerseits eine inhaltliche Frage, die mir dabei hilft, die erzählte Welt in Grassʼ Werken noch besser zu begreifen; andererseits ist das aber auch eine technische Frage, die ihren Reiz im Zusammenspiel verschiedener Gattungen entfaltet. Ein gutes Beispiel ist der Märchen-Roman Der Butt von 1977. Kern dieser historischen wie literarischen Reise durch die Menschheitsgeschichte ist das Volksmärchen Von dem Fischer un syner Fru von Philipp Otto Runge. Im Weitererzählen dieses Märchens entsteht schließlich das großformatige Kunstmärchen vom Grassʼschen Butt. Dieses Zusammenspiel von der kleinen Form des Märchens und der großen Form des Romans ist bei Grass auch an anderer Stelle zu beobachten und in Bezug auf dessen spielerische und gleichzeitig gewissenhafte Arbeit mit bestimmten Märchenfassungen besonders reizvoll.

Darüber hinaus untersuche ich auch, an welcher Stelle und auf welche Weise Grass die Märchen in seine Werke integriert hat, versuche dabei insbesondere, bisher noch wenig beachtete Zusammenhänge aufzudecken. Ein wesentliches Ziel ist es, Grassʼ Märchenerzählen gerade im Kontext seiner historisch und politisch so brisanten Themen ernst zu nehmen und zu zeigen, wie wichtig ihm die Arbeit mit Märchen auch für eine gelungene Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit gewesen ist.

Die Brüder Grimm und ihre Hausmärchen hat Grass immer wieder aufgegriffen. Gibt es typische Beispiele, die zeigen, wie Grass mit diesen Märchen gearbeitet hat?

Ein weiteres Beispiel findet sich in Grassʼ dystopischem, ökologisch motiviertem Roman Die Rättin von 1986. Auch hier steht die Arbeit mit Märchen wieder im Vordergrund und bestimmt die Gattungszuweisung: Grassʼ Rättin wird in der Forschung auch als Antimärchen bezeichnet. In einer von Umweltkatastrophen und Leid geprägten Welt erscheint die märchenhafte Dauerschleife, die Aussicht »dann leben sie noch heute«, nämlich mehr als fragwürdig, und Grass zeigt in seiner Rättin, wie diese unsichere Zukunftsperspektive auch die Stabilität der Märchenwelt ins Wanken bringt.

Im Rahmen eines wesentlichen Haupt-Erzählstrangs wird die Märchenwelt in Szene gesetzt. Ein buntes Ensemble nicht nur Grimmʼscher Märchenfiguren kommt hier im Grassʼschen Märchenwald zusammen und versucht sich an der Rettung des Waldes. Der realistisch gezeichneten Welt mit all ihren ökologischen, technischen und medialen Herausforderungen begegnen Märchenfiguren wie Hänsel und Gretel, Rumpelstilzchen oder Dornröschen mit der ihnen eigenen Märchenlogik. Der Kanzler und die Minister werden von den Märchenfiguren in einen konspirativen Dornröschenschlaf geschickt, damit eine alternative Märchenregierung gebildet werden kann; für diese staatliche Vision haben sie Jacob und Wilhelm Grimm ausersehen. Und auch der ökologische Wandel wird vorbereitet, was sich wie folgt gestaltet:

»Während noch immer Rotkäppchens Großmutter aus dem Wörterbuch vergessene Wörter liest, die der Wolf, der zurückbleiben mußte, gerne hört, und während die Grimmbrüder besorgt sind, es könne bei den nun anlaufenden Aktionen der Märchengestalten zu Übertreibungen und unkontrollierter Naturwüchsigkeit kommen; während Rapunzel mit dem wachküssenden Prinzen Domino spielt und sich die Hexe mit der Bösen Stiefmutter zum zeitüberbrückenden Mühlespiel findet; während das Mädchen seinen davongeflogenen Händen nachsinnt, säen die Guten und Bösen Feen, Raben und Krähen den Zaubersamen über Stadt und Land, auf Wohnsilos und Betonpisten. Hoch über weitläufigen Fabrikanlagen entlädt der fliegende Koffer unbemannt Saatgut.«

Doch die märchenhafte Regierung scheitert an der Logik der ›alten‹ Märchenwelt, den festgefahrenen Handlungsmustern ihrer Protagonisten. Mit dieser Niederlage ist aber die Märchenwelt für Grass keinesfalls ganz gescheitert, sondern sie lebt im Weiter- und Neuerzählen fort, bis das letzte Wort gesprochen ist. So konnte er sie dann auch in seiner 2010 veröffentlichten Liebeserklärung Grimms Wörter wieder aufleben lassen: Im Erzählen trifft er nun selbst auf die Brüder Grimm und lässt aufs Neue die Geschichte des Märchens lebendig werden. Dabei geht es, das ist ganz wichtig, nicht nur um die inhaltliche Arbeit mit Märchen, sondern auch um die Auseinandersetzung mit der Gattungsgeschichte und der dieser Gattung eigenen Dynamik des stetigen und jeweils an die aktuelle Zeit angepassten Weitererzählens.

Lithographie mit dem Titel »Die Schneekönigin XII« (Werkverzeichnis-Nummer L 249) – © Steidl Verlag + © Günter und Ute Grass Stiftung

Gemeinsam mit seinem Göttinger Verleger Gerhard Steidl hat Grass Bücher als Gesamtkunstwerk geschaffen. Im Göttinger Grass-Archiv, das die Universität Göttingen treuhänderisch verwaltet, sind aus dieser Zusammenarbeit Manuskripte, Korrekturfahnen, Zeichnungen, Skizzen, Umschlagentwürfe und Korrespondenz erhalten. Gibt es bereits Pläne, wie dieser Schatz wissenschaftlich erschlossen werden soll?

Erste wissenschaftliche Ergebnisse haben wir bereits im Rahmen von Vorträgen vorgestellt – zuletzt beim Göttinger Literaturherbst 2020. Darüber hinaus planen wir, ausgewählte und insbesondere die Buchgestaltung betreffende Erkenntnisse in Buchform zu publizieren – und zwar im Herbst 2021. Unsere Idee ist, die Grassʼsche Buchkunst mit einem ebenfalls schönen Buch in Text und Bild anschaulich zu machen. Dabei wollen wir auch zeigen, wie die Auseinandersetzung mit Entwürfen und Zwischenfassungen zu einzelnen Büchern deren Deutung in ganz neue Richtungen lenken kann. Nicht nur die Gesamtkonzeption eines Werks lässt sich in ihrer Komplexität mithin besser begreifen, wenn man erste Entwürfe zur Hand nimmt, sondern auch die inhaltliche Arbeit, die sich bei einem Künstler wie Grass auch in der Aufmachung des Buches widerspiegelt. Ein gutes Beispiel ist die Gestaltung der Buchumschläge, deren Motive Grass stets selbst gezeichnet hat: Für den Inhalt eines Buches ist es zum Beispiel sehr relevant, ob eine auf den Umschlag gedruckte Zeichnung das Gesicht eines Menschen mit seinen individuellen Zügen zeigt, oder ob sie nur seine Silhouette andeutet. Die Entscheidung für eine der beiden Fassungen gibt Aufschluss über die Figurenkonzeption im Buch, über die Gewichtung des Individuums, und die alternativen Entwürfe schärfen das Bewusstsein für eine solche Deutung.

Weiterhin sind wir dabei, uns auch mit anderen Grass-Archiven und -Orten zu vernetzen und gerade erfreuen wir uns sehr an einer engeren Zusammenarbeit mit dem Steidl Verlag in Göttingen, der Günter und Ute Grass Stiftung in Lübeck sowie dem Lübecker Grass-Haus. Wir sprechen über Ausstellungspläne und tauschen uns über die Möglichkeiten aus, gemeinsam an wissenschaftlichen Fragestellungen zu arbeiten. Auf dieses produktiv durchgeplante Jahr freuen wir uns alle sehr und wir sind gespannt, wohin uns unsere Grass-Reise noch führen wird.

Lithographie mit dem Titel »Der standhafte Zinnsoldat III« (Werkverzeichnis-Nummer L 220) – © Steidl Verlag + © Günter und Ute Grass Stiftung

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