Das Wissen der Musik

Die Musikwissenschaftlerin Professor Dr. Birgit Abels forscht an der Universität Göttingen zur Leiblichkeit musikalischer Erfahrung, klangbasierten Epistemologien und zur Phänomenologie von Musik in postkolonialen Kontexten. Im Blog stellen wir ihr drei Fragen zu ihrem Fach und ihrer Forschung.

Sie erforschen Musik in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Geografisch liegt Ihr Fokus auf den pazifischen Inseln – vor allem Mikronesien –, Nordindien sowie der südostasiatischen Inselwelt. Wie hängen Kultur und Musik zusammen? Und was versteht man unter Kultureller Musikwissenschaft?

Klang haben wir auf unserer ganzen Welt. Musik wird daraus, wenn wir mit den strukturellen Möglichkeiten von Klang zu spielen beginnen. Wie wir mit diesen Möglichkeiten spielen, hat immer mit den kulturellen Konventionen zu tun, die uns nahe sind: Wer hier in Deutschland aufwächst, wird oft eine bestimmte Akkordfolge als sinnhaft empfinden – wenn die Tonika wiederkommt, fühlt es sich dann an, als sei das musikalische Ereignis in sich abgeschlossen. So entsteht musikalische Form. Musikalische Form und im weiteren Sinne musikalische Struktur stehen aber nie allein, sondern sie haben immer Bezug zu ihrer eigenen Geschichte und den sozialen Dimensionen, innerhalb derer sie gehört werden. Und dann ist da noch das individuelle Hörarchiv: Wenn ich einen bestimmten Song gehört habe, als ich mit 19 das erste Mal als Backpacker auf das Flugzeug gewartet habe, dann transportiert mich dieser Song, wenn er zwanzig Jahre später im Radio läuft, vielleicht zurück zu diesem Moment. Das ist aber mehr als eine faktische Erinnerung, weil es mich in meinem ganzen Sein ergreift. Der Song wird zu einer Zeitmaschine und bleibt gleichzeitig ganz bei mir, in meinem Hier und Jetzt. Kulturelle Musikwissenschaft, wie wir sie in Göttingen leben, ist ein Zweig der Musikwissenschaft, der sich mit Musikmachen als kultureller Praxis in globaler Perspektive beschäftigt. Ich untersuche, warum Menschen Musik so viel bedeutet, und wie sie das tut. Musik nimmt im Alltag erheblichen Raum ein, wir setzen uns über sie in Verbindung mit unserer Umwelt. Wie tun wir das, und was kann Klang, was andere Medien nicht können? Das sind einige der zentralen Fragen, die mich umtreiben.

2020 haben Sie einen Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) erhalten. Für einen Zeitraum von fünf Jahren fördert der ERC Ihr Projekt „Sound Knowledge: Alternative Epistemologies of Music in the Western Pacific Island World“ mit rund zwei Millionen Euro. Welche Chancen und Perspektiven ergeben sich durch diese Förderung?

Das Projekt fußt auf der Idee, dass wir durch Klang und Musik Zusammenhänge begreifen können, die uns auf anderen Wegen verschlossen bleiben. Wenn ich gemeinsam mit einem vielleicht wildfremden Menschen auf einem Konzert ein schönes musikalisches Erlebnis habe und wir stellen – vielleicht, weil sich unsere Blicke kurz treffen – fest, dass die Musik etwas ganz Ähnliches mit uns macht, dann taucht da eine Verbindung auf, die vorher nicht da war. Wir haben einander für diesen kurzen Moment in Musik aufgespürt. Dieses Aufblitzen von Verbindung im gemeinsamen Musikerlebnis lässt sich auch weiterdenken: in Richtung historischer, sozialer und kultureller Zusammenhänge, aber auch in Richtung meiner natürlichen Umwelt. Klang ist immer auch Schallwelle. Wenn eine Schallwelle auf meinen Körper trifft, dann resoniert mein Körper ganz materiell; alles und alle in meiner Umwelt ebenso. Da ist also eine flüchtige materielle Verbindung zwischen mir und allem, was mich umgibt. Gleichzeitig ist diese Verbindung aber mehr als nur materiell, denn sonst könnte sie keine Emotionen und Assoziationen erzeugen. Das Projekt untersucht auf der konzeptuell-theoretischen Ebene, wie wir auf subtile Weise erkennen und lernen, wie wir in Musik mit allem anderen in der Welt verbunden sind.

Nun ist es gerade in Mikronesien so, dass traditioneller Tanz und Gesang immer auch als Wissensweisen gesehen wurden. Im Laufe der (übrigens teilweise deutschen) Kolonialzeit wurden solche Vorstellungen aber vielfach von euro-amerikanischen Ideen darüber, was Wissen ist, überlagert. In Tanz und Gesang steckte aber immer schon viel Instruktives, beispielsweise zu Ressourcenschonung und Krisenbewältigungsstrategien. Dieses Wissen wollen wir nicht rekonstruieren, denn es war nie wirklich weg. Aber wir wollen es befreien von einer Kruste aus Ideen, die ihm die Relevanz abspricht, es in einer Sprache beschreiben, die es wieder sichtbarer macht. Auf diese Weise ergeben sich, so unsere Hoffnung, vielleicht auch immens wichtige Korrektive zu aktuellen Klimawandeldiskursen im Pazifik, um ein Beispiel zu nennen. Es ist nämlich bei weitem nicht nur der Text der alten Rezitationen, der mir sagt, wann wer wo wie viel von was fischen darf. Es ist sein Zusammenwirken mit dem klanglichen Rezitationserlebnis und dessen Geschichtlichkeit, das für alle Anwesenden erfahrbar macht, wie mich selbst diese Dinge betreffen. Und aus dieser Möglichkeit, meine eigene Positionalität und die meiner „community“ zu begreifen, ergeben sich neue Handlungsoptionen.

Bei den meisten Menschen löst Musik Emotionen und Stimmungen aus – sie berührt uns quasi in unserem Inneren. Was aber steht im Zentrum eines Studiums der Musikwissenschaft? Oder anders gefragt: Wieviel Wissenschaft birgt das Studium in sich?

Viele Menschen gehen ganz automatisch davon aus, dass rationales Begreifen und emotionales Berührtsein im Gegensatz zueinander stehen. In Musik ist das aber gar nicht der Fall. Im Gegenteil: Im musikalischen Erleben intensivieren emotional-affektive Betroffenheit und rationales Begreifen einander in der Regel. In der musikwissenschaftlichen Forschung und Lehre fragen wir danach, wie beides miteinander verschränkt und verbunden ist – nicht als Gegensatzpaar, sondern als zwei von vielen jeweils auf eigene Weise schillernden Facetten ein und desselben Phänomens. In diesem Sinne besteht das Studium der Musikwissenschaft komplett aus Wissenschaft, aber gleichzeitig auch komplett aus Musik. Nur ist beides jeweils mehr, als viele Studierende zu Beginn des ersten Semesters glauben.

(Anmerkung der Redaktion: Der Text ist ein Auszug aus dem Portrait von Prof. Dr. Birgit Abels, das im Jahresbericht 2020 der Universität erschienen ist.)

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