Dynamisches Zusammenspiel

Globalisierung und vielfältige Lebensstile, Familienstrukturen, Identitäten und Kulturen: Die Gesellschaften weltweit werden immer komplexer. In der Sozialforschung reicht es nicht mehr aus, die Menschen nach Nationalität, Ethnie, Sprache, Alter oder Geschlecht zu kategorisieren. Prof. Dr. Steven Vertovec vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften betont vielmehr das dynamische Zusammenspiel von Variablen, um Unterschiede und Diversität begreifen zu können.

In seinem aktuellen Buch stellt er sein Konzept der Superdiversität vor. Er schuf es, um wichtige Verschiebungen in den globalen Migrationsmustern und ihren sozialen Ergebnissen zu beschreiben. In der Einleitung des Buches erklärt er:

„Dabei möchte ich erstens auf die zunehmende Mobilität von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund hinweisen, die durch differenziertere Kategorien repräsentiert werden. Es gibt nicht nur mehr kleinere Kohorten aus einer größeren Anzahl von Herkunftsländern, sondern auch sich verändernde Ströme von Menschen, die ein breites Spektrum an Nationalitäten, Ethnien, Sprachen, Religionen, Genderidentitäten, Altersverhältnissen, Humankapital, transnationalen Praktiken sowie (…) Migrationskanälen und Rechtsstatus aufweisen. Zweitens will ich die wechselnden Kombinationen dieser Hintergründe und Kategorien betonen, wodurch ganze Kohorten von Migrant:innen durch bestimmte Überschneidungen charakterisiert werden.“

Ausführlich beschreibt er die verwobenen Diversifizierungsprozesse rund um Migration und demografischen Wandel. Auch fragt und erläutert Vertovec, wie Menschen die Heterogenität der sozialen Unterschiede in ihrer Nachbarschaft, ihrer Stadt, ihrem Land oder der Welt wahrnehmen und wie sie darauf reagieren – mit einem gefühlten „Zuviel“ an Vielfalt oder positiven Einstellungen gegenüber der Diversifizierung. Ein weiteres Kapitel widmet er schließlich der sozialen Komplexität – von Gesellschaften ebenso wie von Individuen.

„Superdiversität, Diversifizierung und ihre Verbindungen zur sozialen Schichtung werden in einer vom Klimawandel und von seinen Auswirkungen auf die globale Migration geprägten Zukunft fortbestehen, wenn nicht gar wachsen“, blickt Vertovec in die Zukunft. „Ein besseres Verständnis der sozialen Komplexität wird für die Zukunft der Sozialwissenschaften entscheidend sein. Eine wichtige Grundlage für ein solches Verständnis ist die Anerkennung sozialer Kategorien als vielfältig, flexibel und durchlässig.“

Steven Vertovec: Superdiversität. Migration und soziale Komplexität, Suhrkamp Verlag 2024, 364 Seiten, ISBN 978-3-518-58815-4, 32 Euro, www.suhrkamp.de/buch/steven-vertovec-superdiversitaet-t-9783518588154

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