Starke Zivilgesellschaft

Reichsbanknote aus dem Jahr 1923 – Foto: K.H.J./MCI auf Pixabay

Haben wir heute wieder „Weimarer Verhältnisse“, in denen die Demokratie in Gefahr ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Göttinger Historiker Prof. Dr. Dirk Schumann in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe von CIVIS. Er bietet eine Analyse der Gesellschaft von der Kaiserzeit bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten und weist uns auf einen wichtigen Unterschied hin: unser heutiges Engagement für die Demokratie.

Zunächst einmal räumt er auf mit dem nostalgischen Blick auf die „Goldenen Zwanziger“ und mit dem düsteren Bild einer von Beginn an zum Untergang verdammten ersten Demokratie. Dann gibt er kurze Einblicke in die gesellschaftlichen Umwälzungen im Kaiserreich, die Debatten nach dem Ersten Weltkrieg und die Grundstruktur des politischen Lebens in der Weimarer Republik. So wird deutlich, wie wenig diese Nachkriegsgesellschaft sozial, mental und politisch mit der Gegenwart vergleichbar ist.

Gedenktafel am Deutschen Nationaltheater Weimar, gestaltet von Walter Gropius 1921 – Foto: OTFW, Berlin

Damals wie heute gab und gibt es jedoch ein Gefühl der Unsicherheit, wie es gesellschaftlich und politisch weitergeht. Auch die Strategien, wie Demokratiefeinde diese Unsicherheit nutzen, sind ähnlich, so Schumann: Waren damals „die Juden“ schuld, sind es heutzutage „die Migranten“ oder „der Islam“. Die demokratische Politik müsse dieser Rhetorik der Vereinfachung begegnen, indem sie Handlungsstärke mit Verständnis für andere Positionen und mit Verhandlungsfähigkeit verbinde.

Dass den Führungspersönlichkeiten der Weimarer Republik dies nicht gelang, sieht Schumann auch darin begründet, „dass bedeutsame Teile der gesellschaftlichen Eliten, etwa der protestantischen Geistlichkeit, der Universitätsprofessoren und der Unternehmerschaft, der parlamentarischen Demokratie distanziert bis feindlich gegenüberstanden. Dies ist heute anders. Und es hat sich eine starke Zivilgesellschaft herausgebildet, die öffentlich zur Verteidigung der Demokratie ihre Stimme erhebt.“ Deshalb sieht Schumann keinen Grund, eine Wiederkehr von „Weimarer Verhältnissen“ zu beschwören.

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