Mehr Resilienz: Wie kann die Wirtschaft umgebaut werden?

Die Corona-Krise verdeutlicht, dass die Gesellschaft im Krisenfall zu wenig Puffer hat: Die Ausgaben für Gesundheitsversorgung wurden insbesondere in Südeuropa gesenkt, Lieferketten sind rationalisiert und Arbeit ist an Subunternehmen mit prekären Standards ausgelagert. Ursachen dieser Entwicklungen sind angeblich wirtschaftliche Sachzwänge. Allerdings ist erstens Wettbewerb ein sozial eingesetztes Spezifikum unseres Wirtschaftssystems. Zweitens verbergen sich hinter vermeintlichen Sparzwängen geduldete Ansprüche von Etablierten, beispielsweise Steuerschlupflöcher. Der Gedanke, dass Wirtschaftssysteme gestaltet werden können und die Reproduktion von Mensch und Umwelt langfristig Priorität haben muss, ist in den Hintergrund gerückt. Wie können Gesellschaften und insbesondere Wirtschaftssysteme resilient werden?

In der Ökosystemforschung steht Resilienz für ein System, das Erschütterungen bewältigen kann, ohne seine grundlegende Organisationsweise zu verändern, das sich in umfassenden Kreisläufen reproduziert, in zentralen Bereichen autark ist, auf eine geänderte Umwelt reagiert, über Puffer und Freiraume verfügt und vielfältig, flexibel, lernfähig und kreativ ist. Die Aufgabe ist groß. Nicht nur die Corona-Krise und die globale Wirtschaftskrise sollen abgefedert werden, sondern vor allem die ökologische Krise. In der jüngeren Vergangenheit hat die Politik auf Krisen mit zu bescheidenen Maßnahmen reagiert. Auch zivilgesellschaftliche Initiativen für Resilienz sind Nischenprojekte geblieben. Das betrifft beispielsweise die Transition-Bewegung, die eine resiliente Lebensweise von Unten aus anstoßen möchte und dabei auf pionierhaftes Engagement von Bürger*innen setzt, die lokale Versorgungskreisläufe aufbauen und fördern.

Ein historisches Vorbild der Krisenbewältigung ist der „New Deal“ – das Programm, mit dem der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt auf die Krise der großen Depression reagiert hat. Die für damalige Verhältnisse umfassenden politischen Eingriffe in die Wirtschaft haben die Gesellschaft glimpflich aus der Krise manövriert und eine zerstrittene Gesellschaft unter einer politischen Vision zusammengeführt. Heute fordern zivilgesellschaftliche Initiativen einen „Green New Deal“, der aktiv die Umwelt und die soziale Krise bewältigen soll und zudem Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Hautfarbe entgegenwirken soll. Es sollen dabei qualitativ hochwertige Erwerbsmöglichkeiten im Umweltsektor entstehen, die Finanzwelt und Wirtschaft sollen demokratischer und Ungleichheiten reduziert werden. Der „Green Deal“ der Europäischen Kommission nimmt die Grundidee auf und stemmt sich gegen den Zerfall der Eurozone, will allerdings primär grüne und digitale Technologie zur Wahrung der kompetitiven Stellung Europas fördern.

Bild von Pete Linforth auf Pixabay

Eine weitere Strategie versucht, Resilienz auf der mittleren Ebene herzustellen. Neuere Vorschläge orientieren sich an Großprojekten des 19. Jahrhunderts, die „Fundamentalökonomie“ errichtet haben, etwa auf kommunaler Ebene. Der Begriff bezeichnet Infrastrukturen von unmittelbarer Bedeutung für das Alltagsleben, die Reproduktion sichern wie Wasserversorgung, Kanalisation, Gesundheits- und Bildungssysteme, Verwaltung. Ein Vorbild ist das Rote Wien, in dem beispielsweise vor über 100 Jahren ein ehrgeiziges Projekt des sozialen Wohnungsbaus erfolgreich umgesetzt wurde. Herauszufinden, wie Prozesse in Richtung resilienter und demokratisierter Versorgung eingeleitet werden können und zugleich der Umweltverbrauch gesenkt werden kann, ist eine dringende Aufgabe für die Forschung und Umsetzer*innen.

PD Dr. Silke Ötsch (http://silke-oetsch.net/) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) und Vertretungsprofessorin für Soziologie an der Universität Hamburg.

Von Silke Ötsch ist jüngst der Artikel „Resilienz statt Effizienz. Die Grundlagen einer krisenfesten Gesellschaft“ im Magazin agora42 erschienen.

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