„Sudelbücher“, Elektrizität und Atemnot: Das Leben von Georg Christoph Lichtenberg

Foto von Klein und Neumann

Heute vor 278 Jahren wurde Georg Christoph Lichtenberg geboren. Damals hätte wahrscheinlich niemand vermutet, dass er die Physikwelt nachhaltig verändern würde. Wie kam es also dazu?

Georg Christoph Lichtenberg war ein vielfältig begabter Mensch mit einer scharfen Beobachtungsgabe. Diese war auch seinem körperlichen Leiden geschuldet. Geboren am 1. Juli 1742 als 17. Kind von Johann Conrad und Catharina Henriette Lichtenberg, litt Lichtenberg sein Leben lang an einer zunehmenden Wirbelsäulenverkrümmung, die einen ausgeprägten Buckel, eine kleine Körpergröße und erschwertes Atmen zur Folge hatte. Ab 1789 setzten sogar so schlimme Asthmaanfälle ein, dass er monatelang sein Bett nicht verlassen konnte. Dieses Leiden machten ihn besonders empfindsam – gegenüber Umwelt, Menschen und eben auch naturwissenschaftlichen Erscheinungen.

Die berühmte Beobachtungsgabe Lichtenbergs zeigte sich schon früh: Bereits zu Schulzeiten wurde Lichtenberg mehrmals für seine Intelligenz ausgezeichnet. Mit 19 Jahren kam er dann an die Uni Göttingen und studierte hier Mathematik, Physik, zivile und militärische Baukunst, Ästhetik, englische Sprache und Literatur, Staatengeschichte Europas, Diplomatik und Philosophie. Nach seinem Studium führte er in Göttingen astronomische Untersuchungen durch und wurde bereits 1769 – mit nur 27 Jahren – zum außerordentlichen Professor ernannt.

1770 reiste Georg Christoph Lichtenberg zum ersten Mal nach England. Ihm war die Betreuung zweier englischer Studenten anvertraut worden und er begleitete sie in dieser Funktion auf ihrer Heimreise. Damit legte Lichtenberg den Grundstein für einen Zuwachs britischer Studenten an unserer Uni – darunter sogar drei Söhne von König Georg III. von Großbritannien und Hannover. Lichtenberg hatte während der Reise den König durch die Sternwarte von Richmond upon Thames geführt und diesen dabei nachhaltig beeindruckt. Der König förderte auch die Benennung Lichtenbergs zum ordentlichen Professor 1775. Lichtenberg wiederum betreute die Söhne des Königs persönlich während ihres Studiums an unserer Uni. Das Ganze war – wie man heute so schön sagen würde – ein unvergleichlicher Marketingcoup für unsere Universität. Söhne von britischen Kaufleuten, Richtern und Militärs folgten. Sie stammten überwiegend aus England, vor allem aus London und Südengland. Aber auch aus anderen Gebieten – darunter sogar aus einigen britischen Kolonien – kamen die insgesamt 237 britischen Studenten nach Göttingen. Damit war die Universität diejenige, an der sich während des 18. Jahrhunderts die meisten Briten immatrikulierte.

Als wäre all dies nicht genug, ist Lichtenberg heute weniger als Vermittler zwischen den Kulturen und vielmehr als Physiker und Literat bekannt. Als Professor für Physik, Mathematik und Astronomie hielt er ab 1776 Vorlesungen an unserer Uni. Und was für Vorlesungen! Mit ihm wurden zum ersten Mal wissenschaftliche Versuche in die Lehre eingeführt. Kein Wunder also, dass er als erster deutscher Professor für Experimentalphysik gilt. Es gab fliegende Drachen, um die Gewitterelektrizität zu demonstrieren, oder auch gasgefüllte Schweinsblasen – ein Vorgeschmack auf das, was wir heute als Ballonfahrten kennen. Seine Vorlesung machte ihn über Göttingen hinaus bekannt und zu seinen Zuhörern gehörte auch Carl Friedrich Gauß, der damals an unserer Uni studierte.

1777 entdeckte Georg Christoph Lichtenberg die nach ihm benannten Lichtenbergschen Figuren – und das erneut dank seiner Beobachtungsgabe. Als er für eine Apparatur, die statische Elektrizität speichern konnte, eine Harzplatte abschliff, entdeckte Lichtenberg, dass sich der Staub auf der Oberfläche in ein Muster anordnete. Damit war bewiesen, dass positive und negative Elektrizität unterschiedlich erscheint. Lichtenberg übernahm daraufhin Plus und Minus als mathematische Zeichen für die elektrische Ladung, wie es bereits von Benjamin Franklin eingeführt worden war. Die heutige Statue vor dem Alten Rathaus in Göttingen erinnert genau an diese Entdeckung.

Während Lichtenberg seinen Zeitgenoss*innen als Physiker oder auch Naturforscher bekannt war, wird er heute eher mit seinen literarischen Schriften in Verbindung gebracht, wobei auch dort seine scharfsinnigen Beobachtungen die Grundlage bildeten: Viele von ihnen hielt er in Notizheften, von ihm selbstironisch als „Sudelbücher“ bezeichnet, fest. In diesen Heften, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, finden sich niedergeschriebene Einfälle und Gedanken in aphoristischer Form – nicht umsonst gilt er auch als Begründer des deutschsprachigen Aphorismus – zu unzähligen Wissensgebieten und naturwissenschaftlichen Annahmen. Gleichzeitig belegen bis heute, wie vielseitig interessiert Georg Christoph Lichtenberg war; und wie zeitlos einige seiner Gedanken sind. So schrieb er beispielsweise: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“

Der Artikel basiert auf den Ausführungen im Geschichtsbuch der Universität „Zum Wohle aller: Die Geschichte der Universität von 1737 bis 2019“ von Frauke Geyken. Mehr Infos zu dem Buch gibt es hier: https://www.uni-goettingen.de/de/613618.html

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