Amazon – Gewinner in der Coronakrise

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Bild von Tumisu auf Pixabay

Einer der wenigen großen Gewinner der Coronakrise ist der Logistikriese Amazon. Das Unternehmen konnte seit Beginn der Krise seinen Gewinn auf 5,2 Milliarden Dollar verdoppeln und sieht auch den nächsten Wochen mit Vorfreude auf das Weihnachtsgeschäft entgegen. Gleichzeitig standen die Arbeitsbedingungen bei Amazon in den vergangenen Jahren immer wieder massiv in der Kritik. Peter Birke, Mitarbeiter des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und der Universität Göttingen, hat Mitarbeiter*innen von Amazon deutschlandweit zu ihren Arbeitsbedingungen befragt.

Welches sind die zentralen Kritiken an den Arbeitsbedingungen bei Amazon und wie stellt sich die Situation im Vergleich mit anderen Versandhändlern dar?

Die Gewerkschaft ver.di versucht nunmehr seit April 2013, einen Tarifvertrag durchzusetzen, der die Löhne denen des Einzelhandels anpasst. Damit würden die Amazon-Kolleg*innen etwas besser verdienen. Das ist kaum zu unterschätzen, denn zumindest in den Großstädten ist ja angesichts hoher Mieten ein Lohn von um die zehn Euro kaum ausreichend. Aber in den Interviews hören wir viele weitere Kritikpunkte: Da geht es dann einerseits um den enormen Druck, möglichst schnell zu sein, auch in Konkurrenz mit anderen Floors (Abteilungen) und Standorten. Es geht um den Versuch, die Arbeitszeit auf die ganze Woche auszudehnen, im Dreischichtbetrieb. Und es geht um Arbeitsunfälle, die mit dem Stress verbunden sind. Viele dieser Aspekte sind in der Pandemie noch einmal zusätzlich exponiert worden: Das liegt zum Teil daran, dass in der Arbeit als Picker oder Packer bei Amazon zumindest anfangs betriebsseitig überhaupt nicht auf Social Distancing geachtet wurde, was sehr viele Proteste ausgelöst hat: In Frankreich wurden Werke geschlossen, in den USA kam es zu global beachteten Streiks, aber auch in Deutschland gab es Unmut, öffentlichkeitswirksam unter anderem am Standort Winsen bei Hamburg. Zum anderen hat es damit zu tun, dass der alltägliche Arbeitsstress offenbar in der Pandemie noch einmal deutlich zugenommen hat, siehe die Umsatz- und Gewinnbilanz. Alle diese Punkte sind nicht einmal dann erledigt, wenn es einen Tarifvertrag gibt.

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Hochregallager. Bild von Jens P. Raak auf Pixabay

Die engmaschige Überwachung der Amazon-Mitarbeiter*innen hat die niedersächsische Datenschutzbehörde zu einem Kontrollverfahren veranlasst. Seit mittlerweile fast drei Jahren ermittelt die Behörde gegen den Konzern. Warum ist es so schwer, gegen die erhobenen Vorwürfe von Kontrolle und Überwachung am Arbeitsplatz rechtlich vorzugehen?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht: So schwer kann es eigentlich nicht sein. Wenn es für „Panorama“ möglich ist, Hinweise auf Verstöße gegen den Datenschutz zu finden, sollte die Behörde dazu eigentlich auch in der Lage sein. Allerdings muss man auch sagen, dass der Datenschutz als Freiheitsrecht nicht ganz oben auf der Agenda der betrieblichen Konflikte steht. Die von uns Interviewten stören sich, wenn, dann eigentlich stärker an dem Verhältnis zum Vorgesetzten, also daran, dass das sogenannte Feedback dazu benutzt wird, die Leute in der Arbeit zu Höchstleistungen anzutreiben. Und auch in dieser Hinsicht gibt es eine Spaltung: Das Unternehmen hat durchaus eine Art eigene Propaganda, so zum Beispiel Incentives, die man bei einer bestimmten Arbeitsleistung bekommt, eine direkte Ansprache durch mindestens zwei Meetings pro Schicht, nach der man sich (aktuell natürlich pandemiegerecht) abklatscht usw. Unsere Beobachtung, die durchaus mit den Forschungen übereinstimmt, die zum Beispiel Sabrina Apicella von der Uni Lüneburg gemacht hat, ist, dass dies zusammengenommen einerseits dazu führt, dass Beschäftigte sich eine Zeit lang identifizieren, mitmachen usw., während andere dies sehr stark ablehnen und als Zumutung empfinden. Es gibt also eher eine Polarisierung als einhellige Ablehnung. Verstärkt wird dies auch noch dadurch, dass es einen sehr hohen Anteil befristet Beschäftigter gibt, die zunächst mal ihre Entfristung abwarten müssen, bis sie sich artikulieren. Wichtig ist aber, dass in einigen der Lager das auf die Person bezogene Feedback bereits auf betrieblicher Ebene – durch die Intervention von Betriebsräten – blockiert wurde: Das ist auch bundesweit bekannt und hilft den Beschäftigten, zumindest sozial-moralisch Zumutungen in der Art „zu häufiger Toilettenbesuch“ abzuwehren. 

Die Gewerkschaft ver.de engagiert sich seit längerem für die Amazon-Mitarbeiter*innen, mittlerweile gibt es an allen Amazon-Versandzentren in Deutschland Betriebsräte. Wie reagiert der Online-Händler auf die Kritiken und den zunehmenden Druck?   

Ungerührt, würde ich sagen:  Betriebsräte werden zugelassen, aber es wird versucht, sie möglichst zu steuern, das heißt „freundliche“ Betriebsräte zu installieren. Da hilft auch die Gesetzeslage, denn in Deutschland sind Betriebsräte ja mit einer Friedenspflicht unterwegs, das heißt formal dürfen sie beispielsweise nicht zum Streik aufrufen. Gewerkschaften werden nach wie vor knallhart abgelehnt. Ansonsten verfügt Amazon allerdings über einen hervorragenden PR-Apparat, der versucht, gegen die Kritiker*innen zu argumentieren. Wir haben auch eine Presseauswertung gemacht, die zeigt, dass sie damit auch keineswegs erfolglos sind. Vergleicht man es mit anderen Branchen, dann trägt vielleicht auch die Hipness von einigen Amazon-Produkten hierzu bei: Es ist manchmal einfacher, einen Schweineschlachter zu kritisieren, als ein Unternehmen, das neben Versandhandel auch faszinierende technische Geräte herstellt und Streaming-Kanäle vertreibt. Derzeit sind Gewerkschaften, würde ich sagen, in etwa der Hälfte der ständig wachsenden Zahl an Distributionszentren gut vertreten. Wie sich das weiterentwickelt, muss man wohl abwarten:  Angesichts der Bedeutung des Konzerns – er ist mittlerweile, was Beschäftigung und Umsätze betrifft, eines der größten Unternehmen der Welt – scheint mir jedoch Amazon für das Schicksal sozialer Rechte und Ansprüche kein unbedeutender Fall zu sein.

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Bild von Christopher Konrad auf Pixabay

Zum Autor
Dr. Peter Birke ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Göttingen mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft.

Das Thema der Arbeitsbedingungen bei Amazon wurden von den Medien mehrfach aufgegriffen, so zum Beispiel vor kurzem in der Tagesschau, dem NDR-Magazin „Panorama“ und in der TAZ.

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