Beredtes Schweigen

In der universitären Gemeinschaft im Göttingen der Nachkriegszeit herrschte eines vor: beredtes Schweigen über die eigenen Verfehlungen und die „Verführbarkeit“ der akademischen Welt. Von Sagbarkeitsregeln und Spielregeln der Kommunikation insbesondere in den Fünfzigerjahren handelt dieses Buch. Es stellt vor, wie es Protagonisten aus der Geschichtswissenschaft und der Physik gelang, ihre Rolle im „Dritten Reich“ zu überschreiben, ihren Anspruch auf Weltdeutungskompetenz durchzusetzen und ihre akademische Position zu festigen.

Der erste Teil widmet sich Göttinger Historikern. Percy Ernst Schramm, der für das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) Kriegstagebuch schrieb, inszenierte sich später als Experte für die Geschichte der Wehrmacht. „Seine Form der Aufklärungsarbeit ließ ihm bei allem Engagement die Möglichkeit, persönliche Verfehlungen an acta zu legen“, schreibt Kerstin Thieler in ihrem Beitrag. Am Kriegstagebuch des OKW ebenfalls beteiligt war Walther Hubatsch, der in den Fünfzigerjahren seine wissenschaftliche Autorität und Deutungshoheit aus seiner Zeitzeugenschaft ableitete. Eva-Lotte Kalz zeigt auf, dass seine selektive Erzählung von der Rettung Göttingens die Integration ehemaliger Soldaten, Berufsoffiziere und Universitätsprofessoren in die Nachkriegsgesellschaft legitimierte.

Einen anderen Weg ging Hermann Heimpel, der sich progressiv demokratisch gab, über sein Engagement für den Nationalsozialismus aber schwieg. Er gründete gemeinsam mit Studierenden das „Historische Colloquium“ (HC). Als Gesprächskreis 1947 gestartet, entwickelte es sich zu einem Wohn- und Seminarhaus in studentischer Selbstverwaltung. In seinem Beitrag bezeichnet Jan Renken das HC als ein bundesweit bekanntes „Laboratorium demokratischer und wissenschaftlicher Praxis“, aber auch als „Laboratorium der Sagbarkeitsregeln und der (vergangenheits-)politischen Profilierung“.

„… in diesem Kreis (wurde) eine gemeinsame, neue Sprache gesucht und etabliert. Dabei bildeten sich Narrative heraus, die einerseits die Gewalterfahrung der Mitglieder im Nationalsozialismus und im Krieg nivellierten und andererseits die Gefahren für die demokratische Neuordnung vorrangig außerhalb der eigenen Gemeinschaft verorteten, statt die eigene Vergangenheit kritisch zu hinterfragen. Als Laboratorium der Demokratie experimentierte der Kreis mit einer Gesprächs- und Wohnkultur, die eine neue Achtung des Individuums mit der Etablierung einer für das demokratische Deutschland geeigneten neuen Gemeinschaftsform zu verbinden suchte.“ (Seite 232)

Im zweiten Teil des Bandes zu den Naturwissenschaften taucht ein weiterer Aspekt auf: die Wiederannäherung an hoch angesehene Wissenschaftler, die aus Göttingen vertrieben wurden. Die Beiträge zu James Franck und Hertha Sponer sowie zu Max und Hedwig Born zeigen, warum die viel beschworene „Versöhnung“ nicht gelang. Adolf Windaus dagegen scherte aus dem gesellschaftlichen Mehrheitsdiskurs aus, indem er sich der Frage nach der Schuld – der eigenen wie derjenigen der Universitäten – stellte, wie Désirée Schauz im letzten Beitrag des Bandes zeigt. Allerdings tat er dies nur privat und leistete somit ebenfalls dem öffentlichen Schweigen Vorschub.

Petra Terhoeven / Dirk Schumann (Hrsg.): Strategien der Selbstbehauptung. Vergangenheitspolitische Kommunikation an der Universität Göttingen (1945–1965), 357 Seiten, ISBN 978-3-8353-3836-4, 34 Euro, www.wallstein-verlag.de/9783835338364-strategien-der-selbstbehauptung.html

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