Kliniken, Psychologie und Literaturtheorie

Foto: Heike Ernestus

Jede*r kennt die Goßlerstraße, nur: Nach wem ist sie benannt? Und wer waren noch einmal Heinrich Düker und Käte Hamburger? Wir machen uns auf den Weg, erkunden Straßen und ihre Geschichte rund um den Zentralcampus, der früher Geisteswissenschaftliches Zentrum hieß.

Bereits 1889 wurde die Straße, die den Nikolausberger Weg mit dem Kreuzbergring verbindet, nach dem Juristen Gustav von Goßler benannt. Dieser hatte sich als preußischer Kultusminister besonders für den Bau der Göttinger Kliniken eingesetzt. So entstand Ende des 19. Jahrhunderts entlang dieser Straße ein Viertel mit Neubauten, zum Beispiel die Chirurgische Klinik und das Pathologische Institut. Die Medizinische Fakultät verlieh von Goßler deshalb eine Ehrendoktorwürde. Im Straßennamen fehlt jedoch das Adelsprädikat – auf seinen ausdrücklichen Wunsch.

Die Kliniken zogen in den Siebziger und Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach und nach in das neu gebaute Universitätsklinikum, seitdem werden die Gebäude anderweitig genutzt. Hier sind zum Beispiel die Germanisten samt Theater im OP (ThOP), weitere Philologien und die Zentrale Einrichtung für Sprachen und Schlüsselqualifikationen (ZESS) zu finden. Die Verbindung zwischen Goßlerstraße und Humboldtallee sowie eine Stichstraße blieben aber zunächst ohne eigene Adresse.

Dies änderte sich erst im Jahr 1999. Auf Initiative des Psychologischen Instituts der Universität wurde die hinter dem Institut verlaufende Stichstraße nach Heinrich Düker (1898 bis 1986) benannt. Dieser studierte ab 1919 Psychologie, Biologie und Philosophie in Göttingen und wurde hier 1925 promoviert. Vier Jahre später habilitierte er sich zu Themen der Willens- und Arbeitspsychologie. Im Jahre 1930 erhielt er einen Lehrstuhl für Psychologie an unserer Universität.

1936 wurde Düker für drei Jahre inhaftiert; nach wiederholten Tätigkeiten gegen die Nationalsozialisten und Arbeit im Untergrund wurde er 1944 in das KZ Sachsenhausen deportiert. 1945 kehrte er nach Göttingen zurück und erhielt hier im November eine außerplanmäßige Professur an der Universität. Bei der ersten Kommunalwahl im Jahre 1946 wurde er zum Oberbürgermeister der Stadt Göttingen gewählt, trat aber nach einjähriger Amtszeit nicht zur Wiederwahl an. Denn 1947 nahm er einen Ruf an die Universität Marburg an, wo er bis 1967 einen Lehrstuhl für Psychologie innehatte.1985 wurde Düker zum Ehrenbürger der Stadt Göttingen ernannt.

Für den angrenzenden Verbindungsweg wurden die dort ansässigen philologischen Institute um Vorschläge für eine Benennung gebeten; die Stadt Göttingen entschied sich 1999 für die Literaturwissenschaftlerin Käte Hamburger (1896 bis 1992). Diese schuf mit ihrer Untersuchung „Die Logik der Dichtung“ (1957) einen Klassiker der Literaturtheorie und förderte die damalige methodische Neuausrichtung der Germanistik.

Das Werk entstand während ihres Exils in Schweden, wohin sie 1934 emigriert war, und sie habilitierte sich damit 1956 in Stuttgart – als erste Wissenschaftlerin im Fach „Neuere Deutsche Philologie (allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft)“ in der Bundesrepublik Deutschland. In Stuttgart forschte und lehrte sie bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 1976.

Käte Hamburger pflegte zahlreiche wissenschaftliche Beziehungen zu Göttingen, zum Beispiel zum Germanisten Rudolph Unger. Dieser hatte 1932 ihre Studie zu Thomas Mann als Mitherausgeber in die Reihe „Neue Forschung. Arbeiten zur Geistesgeschichte der germanischen und romanischen Völker“ aufgenommen. Die Theologische Fakultät verlieh Hamburger im Mai 1987 eine Ehrendoktorwürde. Während ihres letzten Besuches in Göttingen hielt sie im November 1988 einen Vortrag über Heinrich Heine – in der Universitäts-Aula waren alle Stühle besetzt.

Der Käte-Hamburger-Weg verbindet Goßlerstraße und Humboldtallee. Foto: Heike Ernestus

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