Unterstützung für Menschen mit Migrationsgeschichte

Menschen mit Migrationsgeschichte in rechtlichen Fragestellungen zu unterstützen – das ist das Ziel der Refugee Law Clinic Göttingen e.V. (RLC). Hier bieten Studierende und Promovierende verschiedener Fachrichtungen der Uni Göttingen eine unentgeltliche Rechtsberatung an, um Ratsuchenden im Kontakt zu den zuständigen Behörden zur Seite zu stehen. Mit über 200 Mitgliedern, davon rund 40 aktive Berater*innen, gehört die Göttinger RLC zu einer der größten Law Clinics im Bereich des Asyl- und Aufenthaltsrechts in Deutschland.

Claas Lohmann, Göttinger Jurastudent und Berater bei der RLC, berichtet über seine Erfahrungen:

„Als ich 2017 mit der Ausbildung der RLC begann, wusste ich nicht mehr über Asyl- und Migrationsrecht, als jene, die ich nun berate. Wie die meisten bei uns stand ich am Anfang meines Studiums und suchte nach einer Möglichkeit, mich zu engagieren. Die Ausbildung fand an knapp 20 Terminen statt. Dabei bildeten die rechtlichen Grundlagen nur den Kern einer vielseitigen Vorbereitung auf die Beratungssituation. Es gab Erfahrungsberichte und Vorträge zum Beispiel von Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und Rechtsanwält*innen. Wir lernten unter anderem über interkulturelle Kommunikation und Fluchtursachen. Die Ausbildung setzt kein Vorwissen voraus und kann von Studierenden aller Studiengänge ohne Probleme bewältigt werden. Eine Abschlussprüfung gab und gibt es nicht.

Das erste Mal in der Beratung sitzend, hätte ich aufgeregter nicht sein können. Das legte sich aber mit der Zeit und den ersten Gesprächen. Es wurde von mir nicht das juristische „Hochreck“ verlangt. Vielmehr kamen Menschen in die Beratung, die Angst hatten, Fristen zu verpassen, die den Inhalt eines Briefes nicht verstanden, die seit Monaten auf die Antwort einer Behörde warteten oder die eine wichtige persönliche Entscheidung treffen mussten und die juristischen Konsequenzen erfahren wollten. Wer in Deutschland Schutz sucht, durchläuft ein langwieriges Verwaltungsverfahren, in dem es vor allem an Orientierung und Perspektive mangelt. Es müssen Hürden wie Sprachbarrieren, ein unbekanntes Rechtssystem und teilweise großes Misstrauen gegenüber Behörden überwunden werden. Hier konkurrieren wir nicht mit Anwält*innen des Migrationsrechts, vielmehr übernehmen wir die Aufgaben, für die Anwält*innen schlicht keine Kapazität haben. Zum Beispiel die Begleitung zeitaufwendiger Familiennachzugsverfahren. Mittlerweile haben wir auch eine Härtefallgruppe gegründet. Sie unterstützt Personen, die trotz guter Integration von einer Abschiebung bedroht sind, bei der Stellung von sogenannten Härtefallanträgen.

In der Beratung konnte ich die Selbstwirksamkeit erfahren, die im juristischen Studium schwierig zu erreichen ist. Das Vertrauen und die Dankbarkeit, die mir entgegengebracht wurde, war für mich immer Ansporn, Zeit und Energie in die RLC zu investieren. Es gab auch schwere Situationen. Ich wurde mit aus meiner privilegierten Perspektive schwer vorstellbaren Schicksalsschlägen, Geschichten und dem ein oder anderen Tränenausbruch der Mandant*innen konfrontiert. Auf sich allein gestellt ist bei uns jedoch niemand. Die RLC hat eine halbjährlich stattfindende psychologische Supervision eingeführt. Auch halten wir regelmäßig juristische Supervisionen ab und bei den anderen Mitgliedern und unserem Beirat, bestehend aus acht Anwält*innen, konnte ich stets selbst Rat suchen oder mich rückversichern.

Die Corona-Pandemie hat unsere Arbeit nicht erleichtert. Zunächst war es schwierig, in Kontakt zu neuen Mandant*innen zu kommen. Mittlerweile wird unser Kontaktformular aber rege genutzt und auch die ein oder andere Beratung in Präsenz konnte in den vergangenen Monaten stattfinden. Es mangelt nicht an Arbeit für die nächsten Generationen von Beratenden.“

Claas Lohmann
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