Historiker*innen erforschen militärische Gewaltkulturen

Hyacinth de La Pegna: Der Überfall auf das preußische Lager bei Hochkirch am 14. Oktober 1758, Öl auf Leinwand, um 1759/60, Copyright: Heeresgeschichtliches Museum, Wien

Prof. Dr. Marian Füssel ist seit 2010 Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte an der Universität Göttingen. In der neuen DFG-Forschungsgruppe „Militärische Gewaltkulturen – Illegitime militärische Gewalt von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ untersucht er mit Kolleg*innen aus Berlin, Potsdam, Bochum und Berlin spezifische militärische Gewaltkulturen in den Armeen der europäischen Großmächte.

Herr Füssel, rund 500 Jahre Militärgewalt stehen im Fokus – das ist ja ein weites Feld. Welchen Teilbereich davon untersuchen Sie?

Unsere Forschungsgruppe behandelt Praktiken von militärischer Gewalt und Diskurse über solche Gewalt. Es geht also um die Frage, wie und nach welchen Motiven Soldaten handelten, aber auch darum, wie dieses Handeln von den Zeitgenossen bewertet und kritisiert wurde. Mein Teilprojekt in der Forschungsgruppe beschäftigt sich mit dem 18. Jahrhundert, also einer Epoche, die gern als das Zeitalter der Aufklärung bezeichnet wird. Das macht die Frage nach militärischen Gewaltkulturen besonders interessant, denn landläufig wird davon ausgegangen, dass es in jener Zeit zu einer gewissen Zähmung der Gewalt kam. Man habe große Schlachten eher vermieden, die Zivilbevölkerung etwa im Vergleich zum Dreißigjährigen Krieg besser geschützt und sich allgemein mehr an Regeln des Völkerrechts gehalten. Dagegen hat die Forschung zum Beispiel auf den Kleinen Krieg, den Vorläufer der Guerilla, und seine irregulären Akteure wie die Kosaken verwiesen, deren Gewalthandeln eher ungezähmt war. Unser Projekt geht noch einen Schritt weiter und nimmt die irreguläre, nicht konforme, Gewalt der regulären Truppen in den Blick. Wir fragen: Wie verhielten sich diejenigen Einheiten illegitim, die man als die ‚normalen‘ Soldaten verstand?

Kriegsreporter*innen gab und gibt es ja vermutlich nicht in allen Bereichen, in denen Militärgewalt auftritt . Auf welche Quellen greifen Sie zu, um die Strukturen zu erforschen?

Im 18. Jahrhundert gab es noch keine Reporter im Feld, aber eine nicht unerhebliche Anzahl der Soldaten hat Selbstzeugnisse wie Briefe, Tagebücher und Autobiographien hinterlassen, die wichtige Quellen für die Wahrnehmung und Deutung von Gewalt darstellen. Die zahlreich überlieferten Medienberichte über Gewalt in Zeitungen und Flugschriften sind ebenfalls wichtige Quellen, auch wenn die Informationen darin oft nicht aus erster Hand stammten und nie neutral, sondern immer eindeutig politisch gefärbt sind. Daneben ziehen wir, sofern vorhanden, beispielsweise auch Gerichtsakten heran, die etwa im Falle von Normverstößen entstanden, wie etwa der Tötung von Gefangenen oder Übergriffen gegen Zivilisten.

Geht es vor allem darum, einen historischen Rückblick zu wagen oder sollen die Ergebnisse des Gesamtprojekts auch bei aktuellen Militäreinsätzen berücksichtigt werden?

Als Historiker*innen treten wir nicht als Politikberater*innen auf, die direkt Ratschläge aus der Vergangenheit ableiten. Der Lerneffekt für die Gegenwart ist, wie bei historischer Forschung eigentlich immer, ein eher indirekter, vermittelter. Obwohl sich manche Phänomene auf den ersten Blick zu ähneln scheinen, erarbeiten wir keine Lösungen für die künftige Praxis, sondern ein Reflexionswissen darüber, dass vergangenes menschliches Handeln stets einem Wandel unterlag und daher auch unser gegenwärtiges Handeln nie alternativlos ist. In meinem Verständnis ist historische Forschung zu militärischer Gewalt immer Antikriegsgeschichte, im Sinne einer De-Legitimation der Gewalt.

Prof. Dr. Marian Füssel – Foto: privat

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