Einblicke in das Göttinger Kunstleben

Mehr als 450 Göttinger Künstler*innen, sechs Jahrhunderte Göttinger Kunstgeschichte – mit seiner Dissertation hat der Kunsthistoriker Thomas Appel ein umfassendes und in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Werk vorgelegt.

„Göttingen war eine Stadt der Kirchen und Kapellen“, schreibt Appel in seinem Einblick in Kunst und Künstler im 14. Jahrhundert. Der erste in den Quellen namentlich genannte Göttinger Künstler war Heinrich Cordewage, ein Angehöriger des Pauliner-Klosters, der als „künstlicher Maler“ bezeichnet wird. Es folgen zwei mit der Berufsbezeichnung „pictor“. Einer von ihnen, so Appels Vermutung, könnte der Schöpfer der um 1390 geschaffenen Zehngebotetafel sein und einer von mehreren Malern, die 1402 den Hoch-Altarretabel der Jacobi-Kirche schufen.

Mit solchen „Einblicken“ geht Appel zunächst durch die Jahrhunderte und stellt dann in lexikalischen Biografien Leben und Werk Göttinger Maler, Grafiker, Bildhauer und Architekten vom 14. Jahrhundert bis zum Geburtsjahr 1950 vor. Mit dabei sind auch Universitätszeichner und -maler, Wanderporträtisten und die „Höheren Töchter“ als Malerinnen. Appel gelingt es, bislang unbekannte Künstler*innen aufzuspüren und neue Verbindungen zwischen Werken und ihren Urhebern zu schaffen. Indem er das Kunstgeschehen in die jeweilige Zeit und die Stadtentwicklung einbettet, lässt sich das Buch auch als eine Sozialgeschichte unserer Stadt lesen.

Möglich wurde Appel dies durch ein ausgiebiges Quellenstudium. Die außerordentliche Bedeutung der Kämmereiregister über die Einnahmen und Ausgaben der Stadt beschreibt er so:

„Mit ihnen gelingt es, für die Zeit zwischen 1400 und 1700 bei zeitaufwendiger und intensiver, aber im Endergebnis erfolgreicher Recherche manchen Künstler überhaupt erst als solchen zu ermitteln und ihn in einen sicheren zeitlichen Rahmen einzuordnen. Bisweilen ist es sogar möglich, das eine oder andere im städtischen Auftrag erstellte Werk einem Künstler zuzuweisen, zu dem wir außer seinem Namen sonst nichts in der Hand hätten.“ (Seite 19)

Neben zahlreichen Registern, die er in den Archiven von Stadt, Kirchenkreis und Universität fand, wertete er auch Ausstellungsbesprechungen in Zeitungen aus und sichtete eine Fülle von Unterlagen des Kulturamtes. Den ein oder anderen wertvollen Hinweis lieferten ihm zudem Gespräche mit noch lebenden Künstlern, deren Nachfahren oder deren Angehörigen.

Thomas Appel, Göttinger Künstlerlexikon. Maler – Grafiker – Bildhauer – Architekten. Vom 14. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, Universitätsverlag Göttingen 2022, 628 Seiten, ISBN 978-3-86395-504-5, 74 Euro und als eBook zum kostenlosen Download unter https://doi.org/10.17875/gup2021-1786

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