Kleptomanie und Naturspektakel

Die klinische und anwendungsbasierte Psychologie hat es Jasmin Abu-Aishah besonders angetan. Die Göttinger Studentin forschte am Ende ihres Bachelorstudiums der Psychologie an der Toronto Metropolitan University zum Thema Kleptomanie. Von ihrem dreimonatigen Praktikum in Kanada bringt sie bleibende Eindrücke mit – aus dem Forschungsalltag, der Gesellschaft und der Natur. Nun hat die 23-Jährige ihr Masterstudium „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ in Göttingen begonnen.

„Kleptomanie bedeutet, dass Personen zwanghaft stehlen, ohne von den geklauten Gegenständen einen persönlichen Nutzen zu erlangen“, erklärt Abu-Aishah. „Häufig werden die gestohlenen Gegenstände direkt nach der Tat sogar weggeworfen. Die Personen erleben starke Schamgefühle, Hilflosigkeit und soziale Ausgrenzung.“

Im Addictions And Mental Health Lab konnte sie Schritt für Schritt den vollständigen Forschungsprozess durchlaufen. „Schon in Göttingen habe ich eine Literaturrecherche zu Kleptomanie durchgeführt und alle bisherigen wissenschaftlichen Artikel zu dem Thema zusammengefasst. Ebenfalls noch vor Abflug habe ich den Ethikantrag zu meinen beiden Projekten gestellt.“

In Kanada hat sie dann zum einen über eine Fragebogenplattform eigene Daten erhoben und analysiert. Zum anderen wertete sie anonymisierte Kleptomanie-Patientendaten von einem Krankenhaus statistisch aus und schrieb ein Paper über ihre Ergebnisse. „Ich werde weiterhin mit meinem betreuenden Professor Dr. Andrew Kim in Kontakt bleiben und hoffentlich gemeinsam das Paper der sekundären Datenanalyse veröffentlichen“, sagt sie.

Am Institut für Psychologie auf dem Campus an der Bond Street

Dass sie überhaupt zu einem Forschungsaufenthalt nach Kanada aufbrechen konnte, verdankt sie einer erfolgreichen Bewerbung um ein „Globalink Research Internship“ – ein Stipendium für Bachelorstudierende der Naturwissenschaften, über das sie zuvor im Göttinger Psychologie-Blog gelesen hatte.

Bei der Bewerbung sind Englisch-Kenntnisse wichtig, außerdem Empfehlungsschreiben – Abu-Aishah konnte gleich drei einreichen – und erste Forschungserfahrung. Diese konnte sie aus einem Projekt im Rahmen des universitären Programms Forschungsorientiertes Lehren und Lernen (FoLL) und durch ein Praktikum an der Universitätsmedizin nachweisen. Im weiteren Auswahlprozess kontaktierten sie Professoren aus Kanada, die an einer Zusammenarbeit interessiert waren.

„Bewerbt euch früher, als ihr vielleicht denkt!“, gibt sie interessierten Studierenden mit auf den Weg. „Selbst früh im Bachelorstudium ist eine Bewerbung sinnvoll. Und das Programm FoLL kann ich wärmstens empfehlen.“

Doch nicht nur weitere Projekterfahrungen bringt die Studentin von ihrem Kanada-Aufenthalt mit, sondern auch Eindrücke und Erlebnisse, von denen zwei herausstechen. Denn ihr ist bewusst geworden, wie sicher sie sich in Göttingen fühlt. In Toronto, insbesondere in den Downtown-Gebieten aber auch auf dem Campus, war sie mit den Folgen von Obdachlosigkeit und Drogenkonsum konfrontiert – etwas, was sie belastete, weil sie damit nicht gerechnet hatte.

Als einzigartig beschreibt sie dagegen die Natur in Kanada. Eine knapp dreistündige Zugfahrt brachte sie zu den Niagara-Fällen. „Etwa 5 Millionen Liter Wasser pro Sekunde, die dort herunterstürzen, eine unvorstellbar große Menge!“, ist die Studentin auch nach ihrer Rückkehr noch begeistert von diesem Naturspektakel.

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