Unterirdische Wasser-Archäologie

Heidi Köpp in Athribis – Foto Henrik Brahe

Dachrinnen, Abflüsse und Abwasserkanäle sind für uns selbstverständliche Formen, Regen- und Brauchwasser von unseren Häusern abzuleiten. Schon im Alten Ägypten waren diese Techniken bekannt, wurden seit 3000 vor Christus genutzt und in späteren Jahrhunderten weiter ausgebaut. Dr. Heidi Köpp-Junk vom Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Universität Göttingen ist an einem Grabungsprojekt in Athribis 200 Kilometer nördlich von Luxor beteiligt.

Dort betreibe sie „unterirdische Wasser-Archäologie“, sagt sie. Sie dokumentiert das Entwässerungssystem des dortigen Tempels aus griechisch-römischer Zeit, den ein internationales Team aus Forschenden und Helfenden in den vergangenen Jahren freigelegt hat: vor allem Kanäle, u-förmige Rinnen und mit Ziegeln ausgekleidete Röhren im Lehmbett. Kleinere Kanäle, sogenannte Gerinne, leiteten das Wasser über viele Meter aus dem Tempel hinaus, bis es über weitere Kanäle seinen Weg bis in den Nil oder andere Kanäle fand. Viele dieser Installationen aus späterer Zeit sind sichtbar, zum Teil sogar noch in einem funktionsfähigen Zustand.

Kanaleingang mit Wasserrinne – Foto: Heidi Köpp-Junk

Die Eingänge zu den unterirdischen Kanälen sind mitunter klein und die Kanäle eng, so dass Köpp-Junk auf den Knien und auf dem Bauch „wie eine kleine Eidechse“ hineinkrabbeln muss, um alles Unterirdische zu dokumentieren. Besser zugänglich sind die Wasserspeier, die das Regenwasser von den Gemäuern fernhielten.

Wasserspeier am Philae Tempel – Foto: Heidi Köpp-Junk

Im Inneren des Tempels stieß die Göttingerin auf typisch griechische Bad-Installationen. Doch auch solche, die charakteristisch für die pharaonische Zeit waren, kamen zutage. Köpp-Junk verweist auf ausgegrabene „Badetassen“ aus späterer, nämlich byzantinischer Zeit. Auf dieser Steinplatte war Platz für eine einzelne Person, die sich dort mit Wasser aus einem Krug übergoss und reinigte. Das Brauchwasser wurde in einem Becken aufgefangen, danach ausgeschöpft und vermutlich in Tongefäßen weggetragen. „Diese Becken hatten Kapazitäten von bis zu 25 Litern“, erklärt Köpp-Junk und weist darauf hin, dass unsere heute noch gebräuchlichen Duschtassen auf die altägyptischen Prototypen zurückgehen.

Duschtasse mit Ablauf im königlichen Palast von Ramses III. in Medinet Habu – Foto: Heidi Köpp-Junk

Aber woher kam das Wasser für den Tempel? Seit 2017 ist Heidi Köpp-Junk mit ihrem Wasserprojekt dabei, einen Brunnen auf der Tempelanlage freizulegen. Schicht für Schicht kommen die Arbeiter voran, Gestein aus dem Brunneninneren wird zerlegt und nach oben transportiert. Sichtbar wird so die Architektur der Brunnenmauern über mehrere Etagen. Inzwischen ist der Brunnenschacht bis zu einer Tiefe von etwas mehr als elf Metern freigelegt. Köpp-Junk hofft, dass sie irgendwann auf Wasser stoßen – ob schon bei ihrem aktuellen Aufenthalt auf dem Grabungsgelände ist jedoch ungewiss.

Heidi Köpp-Junk im Brunnen des Athribis Tempels

Die Grabungen am Athribis-Tempel sind ein Projekt vom Ägyptologischen Institut der Universität Tübingen und der Ägyptischen Antikenbehörde, das von Prof. Dr. Christian Leitz und Dr. Marcus Müller geleitet wird. Alumnus Leitz hat an der Universität Göttingen studiert und wurde hier promoviert.

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