Formate, Milieus, Konfrontationen

Kommunikationskanäle von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bis Digitalität, vom intimen Kreis bis zur großen, gestreamten Bühne sind voll von vielfältigen Genres des Humors. Sie begleiten das menschliche Mit- und Gegeneinander und erwecken Reaktionen von leisem Lächeln bis zu lautstarkem Gelächter. Im wissenschaftlichen Kontext jedoch sind Netzwerke, die sich mit Humor befassen, eher rar und trotz manch breit rezipierter Klassiker gehören Lachen und Humor nicht zum Mainstream wissenschaftlicher Forschungsgegenstände. Die Ringvorlesung „Lachen in Krisenzeiten: Formen, Milieus, Konfrontationen“ möchte dazu einladen, sich den Dynamiken von Humor und Lachen zu widmen.

Die Verunsicherung über den Humor in einer krisenhaften Zeit ist groß. Wer darf über was lachen? Was ist gerade noch komisch, was ist abwertend und ausschließend? Humor kann an ausgrenzende Tendenzen appellieren, Vorurteile abrufen und tabuisierte Themen aufgreifen. Humor ist in der Gegenwart überdies zu einem politischen Instrument geworden. In autoritären Gesellschaften sind Witz und Satire Gründe für lange Haftstrafen; in demokratischen Gesellschaften herrscht Verunsicherung darüber, wann und in welchen Kontexten welche Art des Humors gepflegt werden darf. Manche Formen humoristischer Kommentierung werden selbst im Rahmen von herrschender Pressefreiheit zu Gründen für Aggression, nicht zuletzt, weil die Heterogenität heutiger, multimedial weit über Grenzen hinaus kommunizierender Gesellschaften keinen gemeinsamen Rezeptionsrahmen für Formen des Humoristischen mehr gewährleistet. Auch der strategische Gebrauch von Humor und Ironie durch rechtsextreme Kreise ist zunehmend zu einem Mittel geworden, um radikale Narrative zu normalisieren. Gleichzeitig sind krisengeschüttelte Zeiten auf komische Formen und Formate angewiesen: Humor kann Gruppen verbinden, versöhnen und empowern. Lachen kann einzelne Menschen befreien und Hierarchien unterwandern.

Die Vortragsreihe „Lachen in Krisenzeiten: Formen, Milieus, Konfrontationen“ geht den Dynamiken von Humor und Lachen nach, indem sie Humor als omnipräsente Ressource im menschlichen Alltag thematisiert. Dabei blickt sie vor allem, aber nicht nur auf den Humor in den Krisen der Gegenwart. Sie beleuchtet unterschiedliche humorgetragene Phänomene wie Cartoon, Karikatur, Witz und Meme und möchte einen Beitrag dazu leisten, der genannten gesellschaftlichen Unsicherheit tiefer auf den Grund zu gehen. Präsentiert werden Fallstudien aus Linguistik, Psychologie, Soziologie, Kulturanthropologie, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft. Neben klassischen Vorträgen bietet die Vorlesungsreihe auch Formate, bei denen Praktiker*innen im Feld der professionellen Humorproduktion im Gespräch, musikalisch oder performativ Einblick in ihr Arbeiten und ihre Motivation geben.

Die Reihe wird gemeinsam von Prof. Dr. Regina Bendix, Dr. Anna Bers und Dr. Julia Fleischhack organisiert. Die Idee für die Vorlesungsreihe erwuchs unter anderem aus dem von Dr. Julia Fleischhack geleiteten, an der Professur von Regina Bendix in Göttingen angesiedelten Teilprojekt des Horizon Europe Projekts Democratic Literacy and Humor (DELIAH), einem Netzwerk aus dem einige der Referent*innen für einen Vortrag gewonnen werden konnten. Das vollständige Programm der Ringvorlesung findet sich hier auf der Webseite der Universität.

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