Imaginäre Expeditionen

Was wir heute als Ökologie bezeichnen, findet sich bereits in der Naturdichtung des 18. und 19. Jahrhunderts: die Wechselbeziehungen alles Lebendigen. Der Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Detering analysiert unter diesem Aspekt das Werk von Annette von Droste-Hülshoff (1797 bis 1848).

Droste stillte ihren großen Bildungswillen autodidaktisch – durch Lektüre sowie Wanderungen in der Natur. Vor diesem Hintergrund bezeichnet Detering ihre Naturdichtung als „imaginäre Expeditionen“, in denen sie religiöse und anthropologische Fragen mit ökologischen verbinde. „Drostes Gedichte und Prosa versuchen, Natur als einen umfassenden, systemischen und dynamischen Lebenszusammenhang zu begreifen, in den die Schreiberin und das Schreiben immer schon tief involviert sind.“ Ihre Lyrik zeichne sich durch Wahrnehmungsschärfe und suggestive Sinnlichkeit der Lautmalerei aus, entwerfe aber gleichzeitig Szenarien des Verfalls und der Zerstörung. „Durch die Welt dieser Gedichte geht ein Riss.“

Anhand des Gedichts „Der Weiher“ zeigt Detering, wie Droste den Weiher als Ökosystem inszeniert – als Wechselrede zwischen den Akteuren, von der Sonne bis zu den Algenfäden. In der Novelle „Die Judenbuche“ erzähle Droste die Geschichte vom Mord an der Natur als die Geschichte einer zerstörten Waldlandschaft, in der der Holzfrevel zugleich Heilsverlust sei. „Die Novelle fasst damit zwei Perspektiven auf die Wirklichkeit zusammen: eine genuin ökologische, die die symptomatische Seite der erzählten Welt bestimmt, und eine genuin theologische, aus der das damit Exemplifizierte gedeutet wird.“ Während in Drostes Gedichten Landschaftspanoramen und Großaufnahmen von Gräsern, Blumen und Bäumen zu finden seien, präsentiere die Novelle die Landschaft „als eine durch und durch ökonomisierte Gegend: nicht als Natur-, sondern als Nutzlandschaft.“

Heinrich Detering: Holzfrevel und Heilsverlust. Die ökologische Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff, Wallstein Verlag 2020, 283 Seiten, ISBN 978-3-8353-3759-6, 34,90 Euro

Detering hat sich zuvor mit der Literatur von Haller bis Humboldt unter ökologischer Fragestellung befasst. Unseren Buchtipp zu „Menschen im Weltgarten“ finden Sie hier.

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