Waldwissen

Wie entstand und entwickelte sich die Wissenschaft vom Wald in und um Göttingen? Peter-Michael Steinsiek hat im Universitätsarchiv Aktenmaterial der Forstlichen Fakultät und ihrer Vorgängereinrichtung gesichtet und analysiert. In seiner Studie zeichnet der Autor die Entwicklung der Forschungsinhalte in den einzelnen Fächern nach und fragt, welche fachlichen, persönlichen, sozioökonomischen und politischen Faktoren diese Entwicklung und die forschungsstrategische Positionierung beeinflussten.

In der 1868 eröffneten preußischen Forstlehranstalt in Hann. Münden wurden Fachleute ausgebildet, um sie in die Lage zu versetzen, „die Wälder so zu bewirtschaften, dass sie finanziell rentierten, ohne Substanzverluste zu erleiden.“ (Seite 13). Ihre Lehrer wurden als Wissenschaftler nach Münden berufen, um gemeinsam mit Forstleuten aus der Praxis vor allem Tagesfragen der Waldbewirtschaftung zu klären. Aus der Forstakademie ging später die heutige Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie unserer Universität hervor.

Nach einem Abriss über den Wald und über frühe Vorstellungen, womit sich die Forstwissenschaft beschäftigen sollte, stellt Steinsiek ausführlich den Fächer-Kanon und die Lehrgebiete in ihrer Entwicklung im Laufe der Jahrzehnte vor. Lagen Schwerpunkte zunächst vor allem in den Bereichen Forstwirtschaft, Waldbau, Bodenkunde und Holzproduktion, kamen nach 1945 die „Wohlfahrtswirkungen des Waldes“ und die Interessen des Landschafts- und Naturschutzes stärker in den Fokus:

„,Die Forstpolitik hat sich mit den Beziehungen und Kräften zu befassen, die sich aus der Bewirtschaftung des Naturgebildes Wald im Hinblick auf die Bedürfnisse der menschlichen Gemeinschaften ergeben‘, resümierte Julius Speer 1960 “ (Seite 66).

Der Dekan Dietrich Mülder sagte 1968, man müsse mittels der Forstwissenschaft eine Antwort auf die Frage suchen: Wie lässt sich der Wald am besten den Interessen der Menschen nutzbar machen? Als Forschungsschwerpunkte nannte er unter anderem die Technologie des Buchenholzes, die Jagdkunde und die forstlichen Verhältnisse der Tropen und Subtropen.

In einem weiteren Kapitel präsentiert Steinsiek, wie die forstwissenschaftliche Forschung durch den Austausch mit Forstleuten, durch Forschungsförderung und Personalpolitik sowie gesellschaftlich-politische Entwicklungen gesteuert und durch neue Methoden erweitert wurde.

„Moderne naturwissenschaftliche Methoden erweiterten das Verständnis von Prozessen und Funktionsweisen auf pflanzenphysiologischer und ökosystemarer Ebene. Damit eröffnete sich auch die Möglichkeit, die Wirkung von Umwelteinflüssen auf den Wald sowie dessen Reaktionen zu messen. Beobachtungen dieser Art waren nicht nur wichtig, um das Wachstum von Wäldern zu steuern. Sie erwiesen sich auch als zielführend etwa bei der Entdeckung von Gefahren für die Waldökosysteme durch Schadstoffeinträge.“ (Seite 170)

Schließlich widmet sich Steinsiek den Debatten um die hochschulpolitische Positionierung und um Reformprozesse hin zu einer eigenständigen Forstfakultät der Universität Göttingen. Laut dem Autor war dies ein „steiniger Weg“ mit dem Ziel, dass die Teilgebiete der Forstwissenschaft gemeinsam „ihrer wissenschaftlichen Aufgabe gerecht werden – der Erforschung des Waldes und seiner Beziehungen zu den Menschen.“ (Seite 277)

Peter-Michael Steinsiek: Waldwissen. Professionalisierung der Forstwissenschaft in Hann. Münden 1868–1972, Göttinger Forstwissenschaften Band 11, Universitätsverlag Göttingen 2023, 318 Seiten, ISBN 978-3-86395-566-3, 55 Euro und E-Book als kostenloser Download, doi 10.17875/gup2023-2234

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