Kaffee- und Berufswahl

Prof. Dr. Holger Rau – Foto: Alciro Theodoro da Silva

Wie tickt die Bevölkerung in Niedersachsen? Welchen Einfluss haben Klimawandel, Migration oder Digitalisierung auf Konsum, Nachhaltigkeitsverhalten, politische Meinung und viele weitere Lebensbereiche?

Der Wissenschaftsraum „Verhaltensökonomik und gesellschaftliche Transformation“ ist ein langfristiges Forschungsprojekt, in dem Wissenschaftler*innen von sieben niedersächsischen Universitäten und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik die Einstellungen verschiedener Menschen in Niedersachsen untersuchen. Unter anderem ist Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Holger Rau von der Universität Göttingen beteiligt.

Seit vergangenem Jahr baut das Team das Niedersachsenpanel aus vielen Personen aller Altersklassen und aus verschiedenen Regionen auf, die immer wieder zu Umfragen und Experimenten eingeladen werden. Die Erkenntnisse aus diesen Studien sollen helfen, gesellschaftliche Prozesse besser zu verstehen und daraus praktische Empfehlungen für die Politik abzuleiten. 

Herr Rau, in der klassischen Wirtschaftstheorie definiert das Konzept des Homo Oeconomicus die Erwartung, wie Menschen im Markt rational handeln. In Ihrem Forschungsfeld der Verhaltensökonomik geht es dagegen darum, wie wir uns tatsächlich verhalten. Welche Faktoren beeinflussen denn unsere Entscheidungen und fließen somit in Ihre Forschung ein?

Das hängt stark vom Kontext ab. Viele Abweichungen vom Modell des Homo Oeconomicus entstehen, weil Menschen Entscheidungen im Alltag sehr schnell treffen müssen und dabei oft kognitiv überfordert sind. Ein anschauliches Beispiel ist die Kaffeewahl: Stehen in einer Bäckerei ein kleiner und ein mittlerer Kaffeebecher zur Auswahl, greifen viele zum kleineren. Kommt eine große Variante dazu, wird plötzlich der mittlere zur bevorzugten Wahl, einfach weil er nun die Mitteloption ist. Ein zweiter zentraler Faktor sind ökonomische Präferenzen, die – anders als das klassische Homo-Oeconomicus-Modell lange annahm – nicht allein vom eigenen Einkommen abhängen. Fairness ist ein gutes Beispiel: Menschen lehnen Ungleichheit häufig ab und vergleichen ihren Lohn mit dem ihrer Kolleg*innen. Wird die Verteilung als unfair empfunden, kann das die Arbeitsmotivation oder die Kooperationsbereitschaft deutlich verringern. Darüber hinaus gibt es neben diesen sozialen Präferenzen eine Reihe weiterer ökonomischer Präferenzen, die für die Erklärung von Marktentscheidungen wichtig sind und in der Standardtheorie nicht vorkommen. Beispiele sind Vertrauen, Ehrlichkeits- oder Wettbewerbspräferenzen.

Foto: pixabay / Faizal Zakaria

Wie bringen Sie sich mit Ihrer Expertise in die Studien des Wissenschaftsraums ein?

Mein Forschungsschwerpunkt liegt darin, ökonomische Präferenzen einfach und zuverlässig zu messen und zu zeigen, wie gut sich damit reale Marktausgänge erklären lassen. Das ist für ein Projekt wie das Niedersachsenpanel sehr wertvoll: Es geht hier nicht nur darum, Einstellungen abzufragen, sondern Fragen und kausale Experimente so zu designen, dass sie belastbare Aussagen über tatsächliches Verhalten erlauben.

Ein zweiter Schwerpunkt sind Geschlechterunterschiede in ökonomischen Präferenzen, insbesondere bei der Risikobereitschaft und bei Wettbewerbspräferenzen, und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, etwa beim Gender Pay Gap. Da sich Arbeitsmärkte derzeit durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz stark verändern, frage ich in aktuellen Projekten, wie diese Transformation mit bestehenden Geschlechterunterschieden zusammenhängt und welche Folgen sich daraus für Bildungsentscheidungen und Karrieren ergeben. Genau diese Transformationsprozesse stehen auch im Zentrum des Wissenschaftsraums, weshalb sich Forschung und Panel hier gut wechselseitig befruchten.

Die erste Befragungsrunde der knapp 5000 für das Niedersachsenpanel registrierten Bürger*innen ist ausgewertet. Ein Ergebnis: Frauen setzen KI im Alltag deutlich zurückhaltender ein als Männer. Sie befürchten, dass diese Zurückhaltung bestehende Genderlücken auf dem Arbeitsmarkt wie etwa den Gender Pay Gap verstärken könnte. Warum?

Ein zentrales Ergebnis aus der Verhaltensökonomik ist, dass sich Frauen im Schnitt weniger wettbewerbsorientiert verhalten als Männer. Damit lässt sich auch erklären, warum Frauen sich seltener für kompetitive Bereiche entscheiden, und das auf zwei Stufen: schon bei der Bildungswahl, etwa beim Studium von MINT-Fächern, und später bei der Berufswahl, etwa in der Finanzbranche. Da gerade diese Felder überdurchschnittlich gut bezahlt sind, ist diese Selbstselektion ein Faktor, der den Gender Pay Gap mit erklärt.

Wenn nun KI als zusätzliche Hürde hinzukommt, kann sich dieser Effekt weiter verschärfen. In einer aktuellen Experimentalstudie untersuche ich, wie sich die Bereitschaft zu bewerben verändert, sobald Bewerber*innen erfahren, dass im Recruiting KI eingesetzt wird. Wir beobachten eine generelle Zurückhaltung, und diese Algorithmus-Aversion ist bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt. Die Befunde aus dem Niedersachsenpanel passen genau in dieses Bild. Zwei Mechanismen sind denkbar: Erstens könnten Frauen sich seltener auf Stellen in algorithmusgestützten Auswahlverfahren bewerben. Zweitens könnten sie KI-Tools im Arbeitsalltag seltener nutzen, was zu Effizienznachteilen und schlechteren Karrierechancen führt. In beiden Fällen wäre die Folge, dass die KI-Transformation des Arbeitsmarkts bestehende Genderlücken eher vergrößert als verkleinert.

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