Meister der Anpassung

Der Buchdrucker ist ein häufiger Borkenkäfer – Foto: Andrea Stradner

Borkenkäfer haben ein schlechtes Image: Sie fressen sich durch die Borke von Nadelbäumen, vermehren sich unter ihrer Rinde und richten so viel Schaden an. Aber ist das alles? Prof. Dr. Martin Schebeck erforscht an der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie die Rolle und Funktionen von Borkenkäfern.

Herr Schebeck, Borkenkäfer zerstören ganze Wälder. So wie wir es im Harz beobachten konnten. Würde es den Wäldern besser gehen, wenn es keine Borkenkäfer gäbe?

Das lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Es kommt auf den Kontext und die Betrachtungsweise an. Borkenkäfer sind ein integraler Bestandteil von Waldökosystemen und haben wichtige ökologische Funktionen. Sie gehören beispielsweise zu den ersten Insekten, die geschwächte oder absterbende Bäume besiedeln. Sie sind somit wichtig für den Abbau von Pflanzenmaterial und für Stoffkreisläufe. Zudem sind viele Tiere wie Vögel und verschiedene Insekten auf sie als Nahrungsquelle angewiesen. Borkenkäfer gehören zu Wäldern dazu. Massenvermehrungen wie im Harz sind häufig ein Symptom veränderter Umweltbedingungen. Deshalb müssen wir als Menschen Wege finden, mit Borkenkäfern klarzukommen, wenn wir an denselben Ressourcen – also an Bäumen – interessiert sind.

Bruten des Buchdruckers – Foto: Andrea Stradner

Nur ein kleiner Prozentsatz der über 6000 Borkenkäferarten hat das Potenzial, Wälder zu zerstören. Wie werden Borkenkäfer zu Schädlingen?

Borkenkäfer, die zu Schädlingen werden, haben ein hohes Vermehrungspotential und können gut mit Abwehrmechanismen der Bäume umgehen. Die meisten Borkenkäferarten besiedeln Bäume, die schon am Absterben sind. Nur ein kleiner, einstelliger Prozentanteil kann jedoch Bäume befallen, die kaum Schwächungen aufweisen. Diese Borkenkäfer können sich unter bestimmten Umweltbedingungen wie Wärme schneller vermehren. Extreme Trockenheit und Stürme setzen Bäumen zu und verhelfen den Käfern so, an ihre Nahrung zu kommen. Zudem sind sie Meister der innerartlichen Kommunikation, sodass sie einfacher Paarungspartner finden und mit Artgenossen gemeinsam Abwehrmechanismen von Bäumen überwinden können. Viele dieser erfolgreichen Arten sind außerdem mit symbiontischen Mikroorganismen vergesellschaftet. Diese Organismen dienen den Käfern als zusätzliche Nahrungsquelle und helfen ihnen beim Befallen von Bäumen, da sie diese ebenfalls schwächen oder zum Absterben bringen können.

Von Buchdruckern geschädigter Wald – Foto: Martin Schebeck

Wie kann Ihre Forschung dazu beitragen, Wälder vor dem Befall von Borkenkäfern zu schützen?

Mein Team und ich an der Abteilung Forstentomologie interessieren uns, wie Borkenkäfer (und andere Insekten) mit ihrer abiotischen Umwelt interagieren. Das heißt, wir untersuchen, wie zum Beispiel Temperatur oder Tageslichtlänge die Entwicklung, die Reproduktion und das Auftreten der Borkenkäfer beeinflussen. Dieses Wissen hilft uns dabei, Maßnahmen gegen Forstschädlinge zu entwickeln und einzusetzen.

Außerdem erforschen wir die genetischen Grundlagen von Borkenkäfern, also welche Gene ihnen ermöglichen, sich an bestimmte Umweltbedingungen anzupassen. Mithilfe genetischer Marker können wir vorhersagen, wann und wo bestimmte Borkenkäferarten auftreten und wie sie Umweltreize verarbeiten. Wir können somit Aussagen treffen, wie sich zukünftige Umweltbedingungen auf Borkenkäfer auswirken werden.

Mich fasziniert es, wie Insekten im Laufe der Evolution Meister der Anpassung geworden sind und mit biotischen und abiotischen Einflüssen umgehen.

Prof. Dr. Martin Schebeck – Foto: Martin Schebeck

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