Bürgersein anders verstehen

Eine der ersten Fragen, die wir jemandem stellen, den wir kennenlernen möchten, lautet: „Woher kommst du?“ Der Antwortende nennt dann sehr oft eine Stadt. Städte scheinen uns im wahrsten Sinne des Wortes wesentlich zu prägen. Insofern können die Ergebnisse, die das Forschungsvorhaben „Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800)“ innerhalb der vergangenen 14 Jahre erarbeitet hat, für jeden aufschlussreich sein.

Prof. Gerhard Fouquet (GF), Vorsitzender der Leitungskommission, und Prof. Werner Paravicini (WP), stellvertretender Vorsitzender, haben das Projekt maßgeblich geprägt und folgende Fragen beantwortet:

Was ist überhaupt eine Residenzstadt?
GF: Im 12. Jahrhundert sind diese Siedlungen häufig neben oder unterhalb der Burg des Stadtherrn entstanden. Herren reisten selbst noch im Spätmittelalter (13.-15. Jahrhundert) intensiv von Burg zu Burg. Im Laufe des späten 15. Jahrhundert verlangsamte sich die Reiseherrschaft, Herr und Hof bezogen die schon zuvor entwickelte zentrale Residenzstadt. Sie folgten damit ihren Ämtern und Behörden, die schon um 1400 zunehmend ortsfest wurden. In der frühen Neuzeit (16.-18. Jahrhundert) entstand in den rund 900 Residenzstädten des Alten Reichs ein Zusammenleben von Herr, Hof und Stadtgemeinde, z.B. bei der Lebensmittelversorgung, Versorgung mit gewerblichen Produkten, Sicherheitsfragen. In dieser Zeit bauten viele der Herren ihre Residenzen groß aus: Schlösser entstanden in den Städten, Theater, Ballhäuser, Verwaltungs- und Gerichtsgebäude, Kirchen, Rathäuser und Spitäler, all dies Zeichen teils von wechselseitiger Herrschaftsdemonstration.

Das heißt, man kann eine Residenzstadt sofort am Stadtbild erkennen?
WP: Eine Residenzstadt ist daran zu erkennen, dass sie zwei Zentren hat, zumeist, aber nicht immer in unterschiedlicher Höhenlage: die Stadt im Tal mit Rathaus und Pfarrkirche, die Burg, das Schloss dagegen auf der beherrschenden Höhe. Im Laufe der Zeit zieht der Herr oft in die Stadt, doch die Burg bleibt als Symbol bestehen. Unentbehrlich ist ein Park, wie der Münchner Hofgarten, und ein Platz vorm Schloss. Die Stadtmauer macht die Stadt, aber nicht notwendig die Residenzstadt.

Gibt es eine Kernerkenntnis des Projekts? Etwas, das in den Geschichtsbüchern vielleicht korrigiert werden sollte?
WP: Zunächst war die (Residenz-)Stadt keine “bürgerliche”, sondern eine adlig-ritterliche Einrichtung, was schon im 12. Jahrhundert zu Auseinandersetzungen mit dem Herrn führte. Erst im Laufe der Zeit entstand der Gegensatz zwischen der bürgerlichen Gemeinde und dem hochadligen Herrn. Der schloss aber nie aus, dass man sich auch verstand, besuchte, ehrte und voneinander profitierte. Gegen Ende des Alten Reichs führte die Annäherung sogar dazu, dass bürgerliche Verhaltensweisen vom Fürsten übernommen wurden. Ehre wollten zwar beide, aber Gemeinsinn und Gloria waren schwer vereinbar.

Eutiner Schloss, Bild von Franz Hogenberg, 1586

Das Projektwurde über das Akademienprogramm von Bund und Ländern finanziert, von der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen betreut und im Jahr 2025 abgeschlossen. Dabei entstanden ist eine neunbändige Handbuchreihe. In dieser werden knapp 800 der fast 900 Residenzstädte im Alten Reich in Einzelartikeln enzyklopädisch erfasst. Die Bände sind auch online in der Digitalen Bibliothek verfügbar.

More from Adrienne Lochte (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen)
Welche Gedanken helfen bei Angst vor dem Tod?
SAPERE holt philosophische Texte zu ewig menschlichen Themen aus der Vergessenheit
Read More
0 replies on “Bürgersein anders verstehen”