Dr. Katrin Wodzicki ist seit 2012 an der Universität Göttingen beschäftigt. Sie hat davon mehr als sieben Jahre den Bereich Personal- und Organisationsentwicklung in der Personalabteilung geleitet. Die Beschäftigten unserer Universität (ohne Medizin) wählten sie 2024 in den Personalrat, der sie dann zu seiner Vorsitzenden wählte. Seitdem vertritt sie mit den 17 weiteren Mitgliedern des Gremiums die Anliegen und Interessen der Beschäftigten gegenüber der Universität als Arbeitgeberin.
Frau Wodzicki, es ist Ihre erste Amtszeit im Personalrat. Wenn Sie auf die vergangenen zwei Jahre zurückschauen: Was hat Sie am meisten überrascht?
Als ich über die Kandidatur nachdachte, sagten viele meiner Gesprächspartner*innen, dass die Möglichkeiten des Personalrats sehr begrenzt sind und ich vielleicht zu große Erwartungen habe. Das hat sich gar nicht bestätigt. Ja, der Personalrat hat in seinem Wirken Grenzen. Gleichzeitig konnten wir so vielen Beschäftigte – bei kleinen und bei großen Problemen und Fragen – unterstützen. Ich bin erstaunt darüber, wie viel positive Wirkung alleine das offene Sprechen in einem vertraulichen Raum, in dem einem zugehört wird, für viele Beschäftigte hat – und ich bin dankbar für das Vertrauen, das uns immer mehr Kolleg*innen entgegenbringen. So konnten wir so einige Kolleg*innen in sehr schwierigen und emotionalen Situationen auffangen und begleiten. Die Zahl der Anfragen nimmt stetig zu und wir sind gerade dabei, unsere Räumlichkeiten für den gestiegenen Beratungsumfang anzupassen.
Als Gremium können wir darüber hinaus immer wieder wichtige Positionen beziehen und auf Klärungsbedarfe hinweisen. Damit bewegen wir vor allem im Arbeitsalltag doch einiges. So konnten wir vor kurzem zusammen mit Kolleg*innen der Personalabteilung im Rahmen des Arbeitszeitausschuss einen Prozess anstoßen, in dem Einrichtungen Maßnahmen ergriffen haben, um Kolleg*innen mit Mehrarbeit im roten Bereich (mehr als 80 Plusstunden) dabei zu unterstützen, die Stunden abzubauen. Oder wir wirken aktuell darauf hin, dass geklärt wird, wie Kolleg*innen mit nicht bearbeiteten Urlaubsanträgen umgehen. Die Zusammenarbeit mit den Abteilungen und Stabsstellen der Zentralverwaltung erlebe ich als sehr fruchtbar. Ja, manchmal wünschen wir uns auch ein schnelleres Tempo in den Veränderungsprozessen. Gleichzeitig sehen wir die hohe Arbeitsbelastung in allen Bereichen der Universität, auch bei den Kolleg*innen in der Zentralverwaltung.
Unterschätzt wird aus meiner Sicht die Rolle, die der Personalrat als Vermittler zwischen unterschiedlichen Perspektiven und Wahrnehmungen einnehmen kann und welchen wichtigen Beitrag zum wechselseitigen Verständnis und besseren Lösungen für alle Seiten er so leisten kann. Das nutzen wir bereits im Kleinen. Das Potenzial ist allerdings bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Einstellungsverfahren, Arbeitszeiterfassung, Urlaubsanträge, Einkauf und Abrechnung: Die Digitalisierung von Abläufen in der Verwaltung und an Fakultäten betrifft alle Beschäftigten in irgendeiner Form. Welche Rolle spielt der Personalrat mit seinen Informations- und Beteiligungsrechten im Prozess der weiteren Digitalisierung der Universität?
Der Personalrat nimmt die Notwendigkeit wahr, die digitale Transformation unserer Universität noch stärker an den Beschäftigten auszurichten. Wir stehen vor einer sehr grundlegenden Transformation unserer Arbeit, die alle Beschäftigte in irgendeiner Form treffen wird. Es geht darum, dass diese Transformation den Beschäftigten möglichst zu Gute kommt, sie in diesem Prozess bedacht und eingebunden werden und dass potenzielle Risiken vermieden oder zumindest abgefedert werden. Es gilt, zu starke Arbeitsverdichtung und krankmachende Arbeitsbedingungen zu vermeiden, mit Aus- und Weiterbildungsangeboten neue Kompetenzen aufzubauen und Leistungs- und Verhaltenskontrolle zu meiden. Letztlich wird sich die digitale Transformation auf die Arbeitsplätze und die Zusammenarbeit auswirken. Schon jetzt arbeitet ein Großteil der Beschäftigten zeitweise im mobilen Arbeiten und der individuelle Arbeitsplatz wird gegebenenfalls nicht mehr für alle zur Verfügung stehen. Das bringt sowohl Herausforderungen an die konkrete Gestaltung der Büros und Arbeitsräume als auch an die Formen der Zusammenarbeit mit sich. Zeit- und ortsflexibles Arbeiten bringt neue Herausforderungen an die Art und Weise der Führung mit sich: sie muss ergebnisorientierter werden.
Der Personalrat nutzt deshalb seine Mitbestimmungsrechte, um die Einführung neuer Technologien entsprechend mitzugestalten, den Arbeits- und Gesundheitsschutz im Blick zu behalten und notwendige Qualifizierungsmaßnahmen für alle Beschäftigte und Führungskräfte einzufordern. Der Personalrat bringt dabei die Perspektive der Beschäftigten ein. Er nimmt Fragen der Beschäftigten entgegen und versucht, diese in der Zusammenarbeit mit der Dienststelle zu klären.
Unserer Auffassung nach kann die digitale Transformation nur – zum Wohle aller – gelingen, wenn die Perspektive der Beschäftigten ernstgenommen wird und wir als Personalrat in kollektiven Aushandlungsprozessen diese Perspektiven einbringen können. Nur so können technologischer Wandel und gute Arbeitsbedingungen Hand in Hand gehen und die Digitalisierung möglicherweise sogar mit mehr individuellen Gestaltungsspielräumen und Flexibilisierung verbunden werden. Digitalisierung darf nicht zu (zusätzlicher) Belastung führen oder gar zu einer Konkurrenz von Mensch und Maschine. Nur dann kann Digitalisierung zur Entfaltung des Potenzials unserer Kolleg*innen beitragen und sie dafür begeistern, mit Freude und Engagement ihrer Arbeit nachzugehen.
Die Digitalisierungsprojekte waren das zentrale Thema der Personalversammlung in der vergangenen Woche. Was nehmen Sie aus dieser Versammlung für die Zukunft mit?
Die Leiterin der Personalabteilung hat diverse Digitalisierungsprojekte im Personalbereich vorgestellt: Neben der Umstellung der Personalverwaltung ging es um die Digitalisierung verschiedener Prozesse, die bisher (noch) auf Papier ablaufen, wie der Urlaubsantrag oder die Krankmeldung. Auch kommt auf die Beschäftigten ein neues System für die Arbeitszeiterfassung zu. Des Weiteren gab es ein Update der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit zum Stand der Umstellung des Content Management Systems für die universitären Webseiten (GCMS). Und der Digital Transformation Officer stellte seine Rolle und Aufgaben vor.
Mein Eindruck ist, dass es noch viel zu tun gibt – und dass es wichtig ist, dabei die Perspektive der Beschäftigten abzuholen und einzubringen. Es geht auch um sehr praktische, alltägliche Fragen. So arbeiten viele Kolleginnen (ja, vor allem Frauen) in mehreren Teilzeitstellen an der Universität und damit in unterschiedlichen Einrichtungen. Das hat zur Folge, dass sie mehrere Accounts und zum Teil mehrere Rechner haben, was vieles für diese Kolleginnen sehr umständlich macht. Das ist noch viel zu wenig mitgedacht. Es stellen sich jedoch auch grundlegende Fragen, die auf der Personalversammlung aufgeworfen wurden: Wie gestalten wir Begegnung in Zeiten zunehmender Digitalisierung? Wie verändert die Digitalisierung das Studium und die Zusammenarbeit an der Universität? Welche Vorstellungen gibt es dazu in der Universität und wie gestalten unterschiedliche Akteure innerhalb der Universität diese Veränderungen mit?
