Im Gebärdensprachlabor

Im Gebärdensprachlabor 2011: Annette und Andreas Flemnitz unterhalten sich, während Videokameras das „Sprechen im Raum“ festhalten. – Foto: Peter Heller

Ob Fachvortrag oder Smalltalk: Das Sprechen mit den Händen, dem Oberkörper und der Mimik ist die natürliche Muttersprache der Gehörlosen, von denen es allein in Deutschland rund 80.000 Menschen gibt. Am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen werden Gebärdensprachen linguistisch erforscht. Das Team aus tauben und hörenden Mitarbeiter*innen untersucht zum Beispiel, wie Sätze in der Deutschen Gebärdensprache (DGS) aufgebaut sind, wie sich Gebärden im Laufe der Zeit verändern und worin sich die DGS von Gebärdensprachen aus anderen Ländern unterscheidet. Vor zehn Jahren wurde hier das experimentelle Gebärdensprachlabor eröffnet.

Das Team nimmt hier Videos von Gesprächen, Sätzen und Gebärden auf, die dann in Forschung und Lehre zum Einsatz kommen. Bis zu vier Kameras filmen die Gebärdenden vor einer blauen Wand. Entscheidend ist vor allen der Bereich vom Oberkörper aufwärts, um alle Elemente dieses „Sprechens im Raum“ einzufangen. Normalerweise – denn in der Corona-Pandemie kann das Gebärdensprachlabor gar nicht oder nur sehr eingeschränkt genutzt werden. „Aufnahmen von gebärdenden Personen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen, sind ein Problem“ erklärt Laborleiterin Dr. Nina-Kristin Pendzich. „Mein Kollege Thomas Finkbeiner hat deshalb eine Kamera und einen mobilen Bluescreen mit nach Hause genommen und dort einige Aufnahmen produziert. Zum Beispiel für unsere neue multimediale und multimodale Lehr- und Lernplattform zur DGS, die wir in diesem Semester erstmals im Unterricht erfolgreich eingesetzt haben.“

Diese neue E-Learning-Plattform wird seit 2019 erstellt, damit Studierende zu Hause besser üben können. „In unseren Gebärdensprachkursen, die wir auch im Zertifikatsprogramm fächerübergreifend anbieten, fertigen die Studierenden keine Mitschriften an – die Hände werden zum Lernen und Üben der Gebärden gebraucht. Zudem ist es ohnehin schwierig, Gebärden aufzuschreiben. Das funktioniert am besten mit Videos“, erzählt Pendzich. „Das Eigenstudium zu Hause war bislang schwierig, weil die verfügbaren Wörterbücher zur DGS dialektale Varianten enthalten, was das Lernen in den Einsteigerkursen für die Studierenden erschwert.“

Die Lernplattform für die DGS 1-Kurse besteht aus 40 Einheiten zur Grammatik und Kultur der DGS mit zahlreichen Beispielvideos, ein videobasiertes Gebärden-Wörterbuch plus Erklärungen, ein Glossar mit über 70 Einträgen und über 80 videobasierte Übungen. Begleitend zu den Inhalten der Lehrveranstaltung wurden im Wintersemester jede Woche Teile auf der ILIAS-Plattform in Stud.IP freigeschaltet und von den Studierenden begeistert genutzt. „Gerade jetzt, wenn unsere Studierenden aufgrund der Corona-Pandemie die Deutsche Gebärdensprache nur in Online-Kursen erlernen können, ist dieses zusätzliche Angebot besonders wichtig“, freut sich Pendzich über den glücklichen Zufall.

Das Gebärdensprachlabor wird aber auch dazu genutzt, Fragen der linguistischen Forschung zu untersuchen. Zum einen werden hier „Stimulus-Videos“ aufgezeichnet, die sich später Proband*innen ansehen und zu denen sie anschließend Fragen beantworten. „So erforschen wir beispielsweise die Bedeutung von Mimik für die Grammatik und das Lexikon der DGS“, erklärt Pendzich. Zum anderen werden die Proband*innen selbst beim Gebärden aufgenommen, zum Beispiel, wenn sie Fabeln und andere Geschichten gebärden, Gespräche zu unterschiedlichen Themen führen oder an Spielen teilnehmen. „Ziel dieses indirekten Vorgehens ist die unbewusste Sprachproduktion. Wir wollen spielerisch bestimmte Satzkonstruktionen aus den Proband*innen herauskitzeln, ohne ihnen durch die Lautsprache etwas vorzugeben“, erklärt Pendzich. Die so entstandenen Datensätze werden anschließend aufwändig annotiert, um sie für die wissenschaftliche Auswertung nutzen zu können.

Dr. Nina-Kristin Pendzich

Die Göttinger Linguist*innen untersuchen aber nicht nur die Deutsche Gebärdensprache. Aktuell arbeitet beispielsweise eine Doktorandin zur Indischen Gebärdensprache und eine weitere Doktorandin beschäftigt sich mit einer Gebärdensprache, die auf einer abgelegenen Insel in der Karibik verwendet wird. Einen Teil ihrer Feldforschungen hatten sie zum Glück vor Ausbruch der Corona-Pandemie abgeschlossen.

Ein weiteres spannendes Forschungsfeld sind die Lebensgeschichten von tauben Senior*innen, die im Rahmen eines multilateralen, EU-finanzierten Projekts erhoben wurden. „Zum einen wird ein wichtiges kulturelles Erbe festgehalten, zum anderen sind die Videos spannend für die Untersuchung von Sprachwandel in der DGS“, erläutert Pendzich. Wie gebärden Ältere im Vergleich zu Jüngeren; wie verändern sich Grammatik und Wortschatz? Denn als natürliche Sprache ist auch die DGS im steten Wandel.

Mehr zu Gebärdensprachen in Göttingen: https://www.uni-goettingen.de/de/154156.html

Der Dokumentarfilm „Wir waren da … wir sind hier“ aus dem Lebensgeschichten-Projekt ist zu finden unter https://www.uni-goettingen.de/de/628206.html

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