Exkursionen mit Schnitzeljagd-Effekt

Aufgelassener Steinbruch an der Borheckstraße. Foto: Steffen Möller

Zwei Bachelor-Studierende der Geographie stehen mit Feldbuch und Stift sowie Kompass und GPS im Smartphone auf den Schillerwiesen. Hier beginnt ihre Exkursion durch den Göttinger Wald bis nach Mackenrode. Sie entdecken Kalkablagerungen, verschiedene Talprofile und Terrassen am Hang, vergleichen Bodeneigenschaften, Gesteinsstrukturen und -schichten. Seit vielen Jahren wird diese Exkursion im Modul „Relief und Boden“ angeboten, als geführte Gruppentour mit 15 bis 20 Studierenden. Weil dies in diesem Semester nicht möglich ist, hat das Team um Prof. Dr. Daniela Sauer von der Abteilung Physische Geographie eine Alternative geschaffen: Exkursionen in Eigenverantwortung.

„Bereits vor 20 Jahren habe ich an der Universität Trier ein Konzept für autodidaktische Exkursionen entwickelt und ausprobiert“, erzählt Dr. Steffen Möller. Weil die jungen Leute – sie sind im zweiten Semester – den Kontakt wünschen und geführte Geländeübungen bevorzugen, hatte das Göttinger Team ein solches Konzept bislang nicht umgesetzt. In der aktuellen Situation wurde es in nur kurzer Zeit Realität.

Möller verschriftlichte die oben beschriebene Exkursion „Relief“ aus seinen Stichwortzetteln, die er bei den Führungen durchs Gelände benutzt – eine Mammutaufgabe. Doch bereits im April stand die Anleitung zur Verfügung: Auf 25 Seiten erklärt er den Weg sowie Geländestrukturen und -entwicklungen. „Normalerweise kann ich auf den Wissensstand der Studierenden in der jeweiligen Gruppe reagieren. Jetzt musste ich zum Beispiel überlegen, wie ich Fachbegriffe auf niedrigem Niveau erkläre“, blickt Möller zurück. Neu hinzugekommen sind Aufgaben, die die Studierenden an zwölf Stationen bearbeiten. Hierbei müssen sie Profile erkennen und zeichnen oder Ablagerungen finden, fotografieren und beschreiben.

Rund 130 Studierende haben Ende April und im Mai die Route in Zweiergruppen absolviert, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. „Sie sind begeistert, dass wir ihnen dafür eine kostenlose und werbefreie Karten-App sowie einen GPS Track zur Verfügung gestellt haben“, berichtet Möller. Inzwischen sind alle Protokolle abgegeben, die nun korrigiert und kommentiert werden. „Durch die Bearbeitung der Aufgaben sind die Protokolle wesentlich fokussierter als in den Semestern zuvor.“

Blick vom Aussichtsturm Harzblick zum Seeburger See. Foto: Steffen Möller
Stufenhang an der Mackenröder Spitze mit den Spuren alter Rutschungen. Foto: Steffen Möller
Blick von Mackenrode zur Mackenröder Spitze. Foto: Steffen Möller

Das Aufgabenkonzept mit Schnitzeljagd-Effekt gefällt auch Dr. Daniel Schwindt. Er arbeitet derzeit Aufgaben für eine zweite Exkursion aus. Die von Bodenkundler Stephan Melms im Rahmen eines Lehrauftrags neu entwickelte Route führt vom Uni-Nordcampus bis nach Ebergötzen. Gemeinsam haben die Beiden die Bodenprofile aufgearbeitet. Nun heißt die Herausforderung für Schwindt, eine gute Anleitung für die autodidaktische Exkursion zu geben: Böden und Standortbedingungen beschreiben und Rückschlüsse auf die Entwicklung der Böden erklären. „Hierzu muss ich knappe Texte schreiben“, erklärt er. „Man kann nicht so in die Tiefe gehen, als wenn man das live machen würde.“

Weil die Studierenden jetzt die im März ausgefallenen Klausuren nachschreiben müssen, hat das Team den Zeitraum für die zweite Exkursion in die vorlesungsfreie Zeit verlängert. Und es freut sich darauf, irgendwann wieder Geländeübungen mit direktem Kontakt anbieten zu können. Was bleibt sind Ideen für die Zukunft: Eigenverantwortliche Touren könnten langfristig als freiwillige Leistung etabliert werden – zusätzlich zu den geführten Pflichtexkursionen.

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