Kollaps damals – und heute?

Klimawandel, Verlust an Biodiversität, Ernährungskrise und Fragen der Zukunftsgestaltung werden heute vielfältig diskutiert. Auch wenn Lösungen in einer globalisierten Welt sehr komplex erscheinen, sind die Probleme nicht neu: Schon in der frühen Bronzezeit brachen alte Hochkulturen durch regionale Dürrephasen zusammen. Der Göttinger Geograf Gerhard Gerold untersucht in seinem Buch die Rolle von plötzlicher Klimaveränderung für den Kollaps und die Transformation von Gesellschaften und großen Reichen zu unterschiedlichen Zeiten – von Mesopotamien bis nach Grönland.

Der emeritierte Uni-Professor analysiert diese komplexe Vernetzung kulturgeschichtlicher und umweltökologischer Bedingungen auf der Basis von neuen Erkenntnissen aus Archäologie, Geschichte und der Paläoklimaforschung. Er zeigt zum Beispiel auf, wie das Zusammenspiel von einer Megadürre, sinkenden Temperaturen und weiteren Faktoren zum Zusammenbruch von Großreichen, Stadtstaaten und dem florierenden Fernhandelsnetz rund um das östliche Mittelmeer im „goldenen Zeitalter“ der späten Bronzezeit führten.

Für den Zusammenbruch der Maya-Königsstädte im 9. und 11. Jahrhundert nennt Gerold gleich mehrere Auslöser: klimatische Probleme, die Ausweitung der Waldrodung zur Ernährungssicherung und das Bevölkerungswachstum. Alles zusammen führte dann zu einer politisch-sozialen Krise.

Ein Kapitel widmet Gerold dem Untergang der Wikinger in Grönland im 14. Jahrhundert. Die autarken Gemeinschaften gründeten sich auf Viehhaltung und Robbenjagd sowie den Handel von Naturprodukten mit Norwegen – bis sehr kalte Jahre die Siedlungen mit Meereis bedeckten und die Vegetationsperioden verkürzten.

Diese und weitere Beispiele nutzt der Autor, um einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen. „Vor dem Hintergrund des vom Menschen über die Treibhausgasemissionen erzeugten Klimawandels in der Jetztzeit stellt sich die Frage nach den Konsequenzen in einer hochkomplexen industrialisierten globalisierten Welt“. Droht auch uns ein vergleichbarer gesellschaftlicher Kollaps? Gerold sieht zumindest zahlreiche Parallelen.

Gerhard Gerold: Klimawandel und der Untergang von Hochkulturen – Was lehrt uns die Geschichte? Springer Sachbuch 2021, 323 Seiten, ISBN: 978-3-662-63890-3, 24, 99 Euro und als eBook ISBN 978-3-662-63891-0, 19,99 Euro, https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-63891-0

Written By
More from Heike Ernestus

Pandemie-Apps sollten warnen und aufklären

Zehn Studierende verschiedener Fachrichtungen haben Empfehlungen erarbeitet, wie forschungsorientierte Pandemie-Apps weiterentwickelt werden...
Read More