Von Netzwerken und Leerstellen

Cover der Göttinger Studie (Ausschnitt)

Aktuelle Studien zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten ab den 1960er-Jahren enthalten den Hinweis auf ein „Netzwerk“ von Personen, die über pädosexuelle Straftaten Bescheid wussten, diese ermöglichten oder in einigen Fällen selbst Täter waren. Eine Arbeitsgruppe am Institut für Erziehungswissenschaft hat in den vergangenen vier Jahren Informationen zusammengetragen, ob und welche Rolle das damalige Pädagogische Seminar in Göttingen dabei gespielt hat. Wir haben Dr. Christiana Bers vom Arbeitsbereich Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft zur Göttinger Studie befragt.

Frau Bers, schon zur 100-Jahr-Feier des Instituts für Erziehungswissenschaft Anfang 2020 haben Sie mit Kolleg*innen viel Datenmaterial zu Personen und Orten zusammengetragen. In weiteren Recherchen untersuchten Sie mit einer Arbeitsgruppe die personellen, institutionellen und wissenschaftlichen Verbindungen rund um die Göttinger Erziehungswissenschaft seit den 1960er-Jahren. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Unser Forschungsanliegen war recht umfänglich. Zunächst haben wir uns die Frage danach gestellt, auf welche Quellen wir bereits zurückgreifen können, wo wir eventuell noch fündig werden können und welche Fragen wir beantworten möchten. Um beispielsweise ein wissenschaftliches Netzwerk zu untersuchen, bieten sich Zitationsanalysen an, die allerdings noch keine Aussagen dazu zulassen, ob die Personen, die sich zitieren, sich auch persönlich kennen.

Um professionelle Zusammenarbeit oder freundschaftliche Verbindungen nachvollziehen zu können, bedarf es ganz anderer Quellen und Herangehensweisen. So haben wir auch untersucht, wer mit wem zusammengearbeitet hat, wobei sich auch hier die Frage nach der Qualität der Beziehung nicht so leicht klären lässt. Freundschaftliche Beziehungen lassen sich noch am ehesten aus (auto-)biographischen Erinnerungen rekonstruieren oder anhand privater Nachlässe. Aber auch hier stößt man schnell an Grenzen, da biographische Erinnerungen immer gefärbt und auch Nachlässe nur begrenzt aussagekräftig sind. Diese können von Verwandten vorsortiert sein oder beispielsweise keine Briefe enthalten, weil die Personen ausführliche Gespräche per Telefon oder bei persönlichen Treffen führten.

Wir haben uns also mit den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen auf der Ebene von Texten, mit Dokumenten zum Pädagogischen Seminar in den 60er- und 70er-Jahren sowie mit biographischen Beschreibungen und Akten aus dem Stadtarchiv und dem Universitätsarchiv auseinandergesetzt, um der Frage nachzugehen, wer wann wo war und was wir über die Beziehung der Personen untereinander in Erfahrung bringen können.

In anderen Studien wird von einem pädophilen Netzwerk rund um Helmut Kentler gesprochen, in dem Göttingen eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Auch Sie zeigen in der Göttinger Studie Verbindungen zwischen Wissenschaftlern und zur Jugendschutzstätte „Haus auf der Hufe“ auf. Zu welchen zentralen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

Das Haus auf der Hufe eröffnete im Jahr 1962 und war ein nicht unumstrittenes Projekt der Stadt Göttingen, das Anliegen des Jugendschutzes und der Jugendfürsorgeerziehung verband. Das Pädagogische Seminar und einige Mitarbeiter und Studierende unterstützten dieses Projekt sowohl hinsichtlich konzeptioneller Ideen als auch personell. So machten einige Sozialpädagogik-Studierende Praktika auf der Hufe, aber auch fachfremde Studierenden kamen im Zuge des studentischen Jugendarbeitsprogramms des Studentenwerks zur Unterstützung auf die Hufe. Mitte der 60er-Jahre institutionalisierten sich der Austausch und die Zusammenarbeit zunehmend, was insbesondere durch die Gründung des Vereins für Jugendfragen 1965 sichtbar wurde. In dieser Zeit gehörten Martin Bonhoeffer, Gerold Becker, Herbert E. Colla und Hans Thiersch dem Verein an und Colla, damals noch Student am Pädagogischen Seminar, wurde für einige Monate zum Interimsleiter der Einrichtung.

In der Auseinandersetzung mit den Akten aus dem Stadtarchiv sind insbesondere die Ambivalenzen dieser Einrichtung und ihre konzeptionellen Schwächen immer wieder deutlich geworden, die auch als Möglichkeitsraum für sexuelle Gewalt gelesen werden können. Über konkrete Vorfälle findet sich in den Akten der 60er-Jahre nur ein Beleg, was allerdings keine Rückschlüsse darüber zulässt, ob es nicht im Rahmen der pädagogischen Arbeit und den zahlreichen Wochenendausflügen und Ferienfreizeiten nicht zu Gewalttaten gekommen ist. Die diffuse Nähe zwischen Betreuern und Jugendlichen, das an vielen Stellen fehlende Verständnis professioneller Distanz – beispielsweise lebte der erste Leiter im Haus auf der Hufe und ließ Jugendliche bei sich übernachten – , das gesellschaftlich schlecht gestellte Klientel und das heutige Wissen zu einigen der Akteure lassen zumindest diesen Schluss zu.

Sie konnten keine Zeitzeugen mehr befragen und mussten Schlüsse aus den verfügbaren Quellen und Daten ziehen. An welche Grenzen sind Sie gestoßen?

Zunächst: Wir haben an beinahe allen Stellen, an denen wir um Mitarbeit und Hilfe gebeten haben, große Unterstützung bekommen, um unsere Datengrundlage zu erweitern. So hat uns beispielsweise der Stadtarchivar Rolf Kohlstedt immer wieder informiert, wenn beispielsweise das Haus auf der Hufe in einer Akte auftauchte, bei der man es nicht vermutet hätte. Auch der Verein für Jugendfragen hat uns unterstützt.

Gleichzeitig bieten Akten meist nur eine Seite der Medaille an. So finden sich meist keine Briefwechsel, sondern nur die Antwortschreiben in diesen – manchmal hat man Glück und findet auch den Durchschlag des versendeten Briefs – und nur selten erfährt man etwas über die alltägliche Kommunikation. Das bedeutet, dass selbst wenn es Gesprächsprotokolle gibt, diese meist aus besonderen Anlässen verfasst werden. Man muss sich also immer die Frage nach der Funktion der Dokumente, deren Leerstellen und Adressat*innen stellen und damit umgehen, dass viele Leerstellen bleiben. Einer der großen blinden Flecken sind wohl die Kinder und Jugendlichen, die die Hufe besuchten, ihre Wahrnehmung, ihre Ideen und ihr Gestaltungsfreiraum.


Die Göttinger Studie ist im Universitätsverlag erschienen:

Christiana Bers, Daniel Erdmann, Klaus-Peter Horn, Katharina Vogel: Personen, Institutionen, Netzwerke. Zur Göttinger Erziehungswissenschaft im Fokus aktueller Studien zu sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten, Universitätsverlag Göttingen 2023, 157 Seiten, ISBN 978-3-86395-616-5, 32 Euro und als kostenlose Online-Version, DOI 10.17875/gup2023-2488

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